Soll ich mich gegen COVID-19 impfen lassen? (Andreas Sönnichsen)
25. Februar 2021
von Dr. Andreas Sönnichsen

Eine Zusammenfassung des derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstands

Impfungen gehören zu den großen Errungenschaften der modernen Medizin. Folgenschwere Erkrankungen wie Kinderlähmung und Pocken haben durch Impfungen ihren Schrecken verloren und kommen heute so gut wie nicht mehr vor. Die Pocken gelten als ausgerottet, die Kinderlähmung wurde auf wenige Fälle in bestimmten Regionen der Welt zurückgedrängt. Es liegt daher nahe, gegen eine pandemisch auftretende Erkrankung, die durch schwere Verläufe und zahlreiche Todesfälle gekennzeichnet ist, möglichst rasch eine Impfung zu entwickeln. Es stellt sich nun die Frage, ob die derzeit verfügbaren Impfstoffe gegen COVID-19 ihren Zweck erfüllen, das heißt nachweislich zu einer Reduktion von schweren Verläufen und Todesfällen führen, und ob der Vorteil durch die Impfung in einem angemessenen Verhältnis zu den Risiken steht.

In Europa sind derzeit drei Impfstoffe zugelassen: der mRNA-Impfstoff der Firmen BioNtech/Pfizer, der mRNA-Impfstoff von Moderna und der Vektorimpfstoff von AstraZeneca. Im Folgenden soll die vorliegende Studienevidenz zu Effektivität und unerwünschten Wirkungen dieser drei Impfstoffe kritisch analysiert werden, um dann zu einer informierten Impfentscheidung zu kommen.

BioNtech/Pfizer-Impfstoff „Comirnaty“

Der von BioNtech/Pfizer entwickelte COVID-19 Impfstoff ist ein so genannter mRNA-Impfstoff. Es handelt sich hierbei um eine vollkommen neue Technologie zur Herstellung von Impfstoffen. Er besteht aus einem Messenger-Ribonukleinsäure (mRNA)-Fragment des Virus, das den genetischen Bauplan für ein Eiweiß (Protein) auf der Oberfläche von „SARS-CoV 2“ (das Virus, das die Erkrankung COVID-19 verursacht) enthält. Dieses mRNA-Fragment wird in winzige Fetttröpfchen (Lipid-Nanopartikel) verpackt, welche die äußere Hülle menschlicher Körperzellen leicht durchdringen können. Auf diese Weise gelangt die Virus-mRNA in die Zelle. Dort wird durch zelleigene Strukturen nach dem eingeschleusten genetischen Bauplan das Viruseiweiß hergestellt und anschließend von der betreffenden Zelle entweder in die Blutbahn abgegeben oder auf der Zelloberfläche präsentiert. Das Virusprotein wird dort von Abwehrzellen als Fremdeiweiß erkannt und bekämpft. So lernt das Immunsystem, das Viruseiweiß als „Eindringling“ zu beseitigen. Wenn nun eine tatsächliche Infektion mit vollständigen Viren erfolgt, kann das menschliche Immunsystem den Erreger schnell erkennen und beseitigen, bevor er großen Schaden anrichten kann.

Der BioNtech/Pfizer-Impfstoff wurde in einer großen randomisiert kontrollierten Studie hinsichtlich Effektivität und Sicherheit untersucht (1). In dieser Studie erhielten 21.720 Proband*innen Injektionen des Impfstoffs und 21.728 Plazebo-Injektionen (Kochsalzlösung), aber nur 18860 Geimpfte und 18846 Plazebo-Geimpfte wurden für durchschnittlich 14 Wochen nachbeobachtet. In dieser Zeit erkrankten in der geimpften Gruppe neun Personen an COVID-19 (0,048%), und in der Plazebogruppe 169 (0,897%), was einer Impfeffektivität (= relative Verminderung des Erkrankungsrisikos) von 94,6% entspricht, mit einem Vertrauensbereich (95%-Konfidenzintervall [KI] von 89,9 bis 97,3%). Als COVID-19-Fall wurden Proband*innen gewertet, die Symptome eines grippalen Infekts und gleichzeitig einen positiven PCR-Test auf SARS-CoV-2 aufwiesen. Tatsächlich kam es aber bei 1.594 Personen in der geimpften Gruppe (8,45%) und bei 1.816 in der Plazebogruppe (9,64%) zu auf COVID-19 verdächtigen grippalen Infekten, was einer Impfeffektivität (Risikoreduktion) von 12,3% entspräche. Diese Zahlen werden aber in der Publikation nicht genannt, sondern finden sich nur in den Zulassungsunterlagen der FDA (2). Bezüglich der Verhinderung von schweren COVID-19-Verläufen oder Todesfällen lassen sich aus der Studie keine Aussagen ableiten, da in der Studienpopulation zu wenige schwere Fälle und keine COVID-bedingten Todesfälle aufgetreten sind. Auch für Personen über 75 Jahren sind keine Aussagen möglich, da keine ausreichende Anzahl älterer Teilnehmer eingeschlossen wurde.

Die Impfung führte in der Studie zu einer sehr hohen Anzahl an unerwünschten Wirkungen. 78,6% der Geimpften klagten über lokale Beschwerden nach der Injektion (im Vergleich nur 12,8% nach der Plazebo-Injektion). 69,9% der Geimpften gaben „systemische Reaktionen“ (Fieber, Muskel-, Gelenk- und Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Durchfall, Abgeschlagenheit) nach der zweiten Impf-Injektion an (im Vergleich 33,8% nach der zweiten Plazebo-Injektion). Schwere unerwünschte Wirkungen (definiert als lebensbedrohlich, Krankenhausbehandlung oder Tod) traten bei 1,1% der Geimpften und bei 0,6% der Proband*innen in der Plazebogruppe auf. Das Risiko für schwere Nebenwirkungen war damit bei den Geimpften höher als das Risiko in der Plazebogruppe, an COVID zu erkranken. Inzwischen wurden über 70.000 unerwünschte Wirkungen der BioNtech-Impfung, davon über 20.000 schwer, und über 1000 Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung an die Europäische Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen übermittelt (3).

Fazit: Eine kurzfristige Verhinderung von bestätigten COVID-19-Fällen durch die Impfung ist zwar wahrscheinlich, wird aber durch eine hohe Rate an teils schweren unerwünschten Wirkungen erkauft. Sogar Todesfälle im Zusammenhang mit der Impfung erscheinen möglich. Eine Aussage über die Langzeiteffektivität und Langzeitsicherheit ist nicht möglich, da der Beobachtungszeitraum in der Zulassungsstudie nur 14 Wochen betrug. Auch über die Effektivität der Impfung bei Menschen über 75 Jahren lässt sich keine Aussage treffen, da diese nicht in ausreichender Anzahl untersucht wurden. 

Moderna-Impfstoff „CX-024414“

Auch der Moderna-Impfstoff ist ein mRNA-Impfstoff, dessen mRNA für das vollständige „Spike-Protein“ von SARS-CoV-2 kodiert, also das Eiweiß, mit dessen Hilfe das Virus an menschliche Zellen andockt und dann in diese eindringen kann. Auch dieser Impfstoff wurde in einer großen randomisiert kontrollierten Studie untersucht (4). 15.181 Proband*innen erhielten Injektionen des Impfstoffs und 15.170 wurden mit Plazebo (Kochsalzlösung) behandelt. Während der durchschnittlichen Beobachtungszeit von zwei Monaten ab 14 Tage nach der zweiten Impfung bzw. Plazeboinjektion erkrankten in der Plazebogruppe 185 Personen (1,22%) an COVID-19 und in der geimpften Gruppe 11 (0,072%), was einer Impfeffektivität von 94,1% entspricht. Zu lokalen Reaktionen an der Injektionsstelle kam es bei den Geimpften in 84,2% der Fälle, in der Plazebogruppe bei 19,8%. Systemische unerwünschte Wirkungen traten bei den Geimpften nach der zweiten Impfung in 79,4% der Fälle auf, in der Plazebogruppe bei 36,5%. An die Europäische Datenbank wurden bisher nur gut 2.500 Verdachtsfälle unerwünschter Wirkungen  übermittelt, was natürlich in erster Linie dadurch bedingt ist, dass der Impfstoff noch nicht in großem Umfang eingesetzt wurde (3).

Fazit: Die Beobachtungszeit in der Studie zum Moderna-mRNA-Impfstoff ist mit gerade einmal zwei Monaten noch kürzer als die durchschnittliche Nachbeobachtung in der BioNtech-Studie (14 Wochen). Aussagen über die Langzeiteffektivität und Langzeitsicherheit des Impfstoffs lassen sich nicht ableiten. Die Nebenwirkungsrate ist vergleichbar mit dem BioNtech-Impfstoff. Daten aus der breiten Anwendung liegen noch kaum vor.     

AstraZeneca-Impfstoff „Covid-19-Vaccine AstraZeneca“ (AZD1222) 

Im Gegensatz zu den anderen beiden Impfstoffen handelt es sich bei AZD1222 um einen sogenannten Vektor-Impfstoff. Als „Vektor“ wird ein bei Schimpansen vorkommendes Adenovirus verwendet, das bei Menschen keine Krankheit auslöst. Diesem Virus wurde gentechnologisch das Gen für das Oberflächen-Antigen (Spike-Protein) von SARS-CoV-2 eingesetzt. Bei der Impfung werden menschliche Zellen künstlich mit dem Vektor-Virus infiziert und produzieren dann das Spike-Protein. Das menschliche Immunsystem reagiert hierauf mit der Bildung von Antikörpern gegen das Spike-Protein. Kommt es anschließend zu einer Infektion mit SARS-CoV-2, sollen diese Antikörper gegen das Spike-Protein das Virus neutralisieren, bevor sich eine Infektion ausbreiten kann.

Zur Beurteilung der Effektivität des Impfstoffs wurden zwei randomisiert kontrollierte Studien herangezogen (5). Nur 11.636 (56,3%) der ursprünglich 20.675 in die Studie eingeschlossenen Patient*innen wurden in die Auswertung einbezogen. Die wichtigsten Ausschlussgründe waren, dass die Proband*innen nur eine einzige Impfdosis erhielten oder dass das Follow-Up zu kurz war. In der geimpften Gruppe erkrankten 30 von 5.807 Proband*innen und in der Kontrollgruppe 101 von 5.829. Dies entspricht einer relativen Impfeffektivität von 70,4% (95% Konfidenzintervall [KI] 54,8-80,6). Die durchschnittliche Beobachtungszeit nach der zweiten Impfdosis lag bei nur 43 Tagen. In absoluten Zahlen waren 0,53% der Geimpften und 1,73% der Kontrollproband*innen von einer symptomatischen COVID-19 Erkrankung betroffen. Es müssen also 83 Personen geimpft werden, um einen COVID-19-Fall zu verhindern.

Da es mehr als 14 Tage nach der zweiten Impfung nur einen einzigen schweren COVID-19-Fall gab, lässt sich zur Verhinderung schwerer Erkrankungen durch die Impfung keine Aussage machen. Auch zur Impfeffektivität bei älteren Menschen ist keine Beurteilung möglich, da nur 1.418 (12,2%) der Proband*innen über 55 Jahre alt waren.

Das Sicherheitsprofil der Impfung wurde zusätzlich in zwei weiteren, also insgesamt in vier Studien, analysiert (12.021 Proband*innen wurden mit AZD1222 geimpft und 11.725 erhielten eine Meningokokken-Impfung. Es ist also nicht möglich, die Häufigkeiten von Nebenwirkungen im Vergleich zu keiner Impfung oder Plazebo anzugeben. In beiden Gruppen traten bei etwa 0,8% der Proband*innen schwere Nebenwirkungen auf, am häufigsten grippale und neurologische Symptome. Bisher wurden etwa 10.000 Verdachtsfälle unerwünschter Wirkungen an die europäische Datenbank übermittelt. In einzelnen Fällen kam es zu schweren allergischen Reaktionen (3).

Fazit: Weder zur Langzeitsicherheit noch zur Langzeiteffektivität von AZD1222 lässt sich derzeit eine verlässliche Aussage treffen. Eine kurzfristige Verhinderung von COVID-19-Fällen erscheint möglich, wird aber durch häufige, teils schwere unerwünschte Wirkungen erkauft. Es ist noch unklar, ob eine Schutzwirkung auch bei älteren Menschen erzielt wird.

Ausblick

Alle drei bisher in Europa zugelassenen COVID-19-Impfstoffe haben nur eine bedingte Zulassung erhalten, da die vorliegenden Studiendaten weder zur Langzeiteffektivität noch zur Sicherheit zuverlässige Aussagen erlauben. Die Anzahl schwerer unerwünschter Wirkungen übersteigt die Anzahl der verhinderten Erkrankungen an COVID-19. Auch eine Aussage über die Verhinderung von schweren Verläufen oder Todesfällen ist auf der Basis der vorliegenden Daten nicht möglich. Ebenfalls ist noch unbekannt, ob die Impfung nur den Ausbruch von Symptomen verhindert oder auch die Infektion und damit die Möglichkeit, die Erkrankung weiterzugeben.

Besonders gravierend ist, dass es bisher keine zuverlässigen Aussage zur Effektivität der Impfung bei denjenigen gibt, die vor allem von schweren Verläufen mit Todesfolge durch COVID-19 betroffen sind: die alten und durch Begleiterkrankungen besonders vulnerablen Menschen.

Ebenfalls unbekannt ist, ob die Impfungen effektiv vor Infektionen mit den bereits bekannten und den zu erwartenden zukünftigen Mutationen von SARS-CoV-2 schützen. Ein dauerhafter Schutz ist aber – wie auch schon von der Influenza bekannt – eher unwahrscheinlich.

Nach den bisher vorliegenden Daten kann die Impfung keinesfalls generell empfohlen werden. Vor allem ist im Gegensatz zur derzeit vorherrschenden Impfpropaganda eine ehrliche und lückenlose Aufklärung über möglichen Nutzen und Schaden der Impfungen zu fordern, um unseren Bürger*innen eine informierte partizipative Entscheidung für oder gegen die Impfung zu ermöglichen.

Vorsorglich halte ich fest, dass meine hier dargelegten Äußerungen wissenschaftlich begründet sind, aber nicht notwendigerweise die Meinung der Medizinischen Universität Wien wiedergeben. Zudem distanziere ich mich schon jetzt ausdrücklich von jedem Missbrauch meiner wissenschaftlichen Überlegungen durch extremistische oder paramedizinische Gruppierungen, Verschwörungstheoretiker und sonstige Personen, die sich berufen fühlen, meine Aussagen für Ihre Zwecke zu interpretieren.

Literatur

1.       Polack FP, Thomas SJ, Kitchin N, Absalon J, Gurtman A, Lockhart S, u. a. Safety and Efficacy of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine. N Engl J Med. 31. Dezember 2020;383(27):2603–15.

2.       FDA Vaccines Advisory Committee. FDA Briefing Document Pfizer-BioNTech COVID-19-Vaccine [Internet]. FDA; 2021 [zitiert 24. Februar 2021]. Verfügbar unter: https://www.fda.gov/media/144245/download#page=42

3.       Europäische Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen. Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen [Internet]. ADRREPORTS.EU; 2021 [zitiert 24. Februar 2021]. Verfügbar unter: http://www.adrreports.eu/de/search_subst.html#

4.       Baden LR, El Sahly HM, Essink B, Kotloff K, Frey S, Novak R, u. a. Efficacy and Safety of the mRNA-1273 SARS-CoV-2 Vaccine. N Engl J Med. 4. Februar 2021;384(5):403–16.

5.       Voysey M, Clemens SAC, Madhi SA, Weckx LY, Folegatti PM, Aley PK, u. a. Safety and efficacy of the ChAdOx1 nCoV-19 vaccine (AZD1222) against SARS-CoV-2: an interim analysis of four randomised controlled trials in Brazil, South Africa, and the UK. The Lancet. Januar 2021;397(10269):99–111.

Bild

Javier Allegue Barros / Unsplash

Dr. Andreas Sönnichsen

Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen ist Wissenschaftler und Allgemeinmediziner. Seit 2018 ist er Professor für Allgemeinmedizin mit Leitung der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin, Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien. Er war Vorstand des Instituts für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg, des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Witten/Herdecke und bis zu seinem Rücktritt am 11. Jänner 2021 Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM). Sönnichsen ist Herausgeber und Autor zahlreicher Lehrbücher für Medizin, so z. B. der EbM-Guidelines – Evidenzbasierte Medizin für Praxis und Klinik, die in der 7. Auflage beim Verlagshaus der Ärzte erschienen sind.

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