Sind dem Krankenhauspersonal die Hände gebunden?
21. Januar 2021

Meine Mutter, 80 Jahre alt, hatte sich am Dienstag, 15.12.2020, eine Lebensmittelvergiftung zugezogen. Sie war sowohl am Mittwoch als auch am Samstag bei zwei verschiedenen praktischen Ärzten in Niederösterreich zur Behandlung. Bis zum Sonntag hat sich ihr Zustand so stark verschlechtert, dass wir sie mit der Rettung ins Spital einliefern ließen. Sie wurde am Montag, 21.12., notoperiert (Darmverschluss), verbrachte den nächsten Tag auf der Intensivstation, am Folgetag schloss man ihre Bauchdecke. Beide Operationen verliefen nach Auskunft der behandelnden Ärzte gut und erfolgreich. Meine Mutter erholte sich körperlich gut und wurde einen Tag später, am Heiligen Abend, nachmittags von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt.

Am Tag, als sie eingeliefert wurde, erkundigte ich mich, ob ich sie besuchen könne. Ich hatte einen frischen negativen Covid-19-Test und war bereit, eine FFP-2 Maske zu tragen. „Nein, Besuche sind unmöglich, keine Chance. Höchstens, wenn Ihre Mutter akut im Sterben liegt“, hieß es. Meine Mutter musste Weihnachten einsam und verlassen im Krankenhaus verbringen, war abgeschnitten von ihren nahestehenden Angehörigen, ohne Berührungen und Zuspruch.

Am Heiligabend betrat ich nachmittags (also zwei Stunden, nachdem meine Mutter auf die normale Station verlegt worden war) das Krankenhaus, im Gepäck ein Bild der Familie und ein Stofftier. Ein netter Herr in blauer Plastik-Schutzkleidung erklärte mir, ich solle beim Empfang fragen, auf welcher Station meine Mutter läge. Dies („Chirurgie 1“) sollte ich nun auf einen vorbereiteten Papier-Anhänger schreiben und mein Geschenksackerl samt Anhänger auf einem weißen Tisch vor dem Empfang ablegen.

Am nächsten Tag rief mich eine sehr nette, mitfühlende Ärztin an. Sie teilte mir mit, dass meine Mutter verstorben sei. Im weiteren Verlauf des Telefongesprächs erzählte sie mir, dass ich meine Mutter an Heiligabend hätte besuchen können, es hätte da eine Ausnahme gegeben.

Ich war am Boden zerstört und nahm sofort Kontakt zum Leiter des Krankenhauses auf. Er hat mir sofort nach Erhalt meines Mails sehr einfühlsam und aufklärend geantwortet. Es gab ein Missverständnis. Die Ärztin, mit der ich zuvor gesprochen hatte, hatte am Heiligabend gesehen, wie ein Kollege einen Angehörigen zu einem Verletzten ließ. Daraus hatte die Ärztin geschlossen, dass Besuche an Weihnachten ausnahmsweise erlaubt seien, was nicht stimmte. Der Krankenhausleiter meinte, dass sein Personal absolut den geltenden Regeln entsprechend gehandelt habe, die Auskunft der Ärztin, die mich angerufen hatte, allerdings sachlich falsch gewesen sei. Er habe auf die Besucherregeln keinen Einfluss und hoffe auf mein Verständnis.

Die Klinik, den Leiter und all seinen MitarbeiterInnen trifft keine Schuld. Sie haben nach ihren Möglichkeiten und Vorgaben großartig gearbeitet. Ich möchte den Personen, die für diese Richtlinien und Verbote verantwortlich sind, absolut keine böse Absicht unterstellen, aber anscheinend haben sie für Menschen, die sich wirklich in Not befinden, bei denen es um Leben oder Tod geht, nicht wirklich viel Einfühlungsvermögen. Offensichtlich waren sie selbst noch nie in dieser emotionalen Lage. Mögen sie auch nie dorthin kommen.

Meine Mutter jedenfalls kann ich in nur noch am Friedhof besuchen. Meiner Meinung nach hatte ihr Tod keine körperliche Ursache. Sie ist an Einsamkeit und Verzweiflung gestorben.

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