Reha-Erfolge durch Lockdown und Einsamkeit zunichte gemacht
10. Dezember 2020

Am 9. Februar hatte meine Mutter einen Schlaganfall, sie kam ins Krankenhaus und wurde behandelt. Nach zehn Tagen verlegte man sie aus dem Krankenhaus Wiener Neustadt in die Spezialklinik Grimmenstein. Zu diesem Zeitpunkt war sie halbseitig gelähmt. Die Mitarbeiter im LKH Grimmenstein waren sehr bemüht und haben ihr immer wieder Mut zugesprochen, zu ihrem 85. Geburtstag am 23. Februar waren schon erste Besserungen erkennbar. Die geplante Geburtstagsfeier fiel natürlich ins Wasser, aber wir waren froh, dass es meiner Mutter schon ein wenig besser ging.

Die Fortschritte in den nächsten Tagen und Wochen waren enorm. Mit einer Gehhilfe konnte sie bereits wieder erste Schritte machen und beinahe selbstständig essen. Am 23.März sollte die Reha beginnen.

Dann kam der Lockdown! Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich meine Mutter fast täglich besucht. Ich habe versucht, ihr die neue Situation zu erklären, aber da wir zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht viel wussten, waren die Erklärungen eben auch sehr dürftig.

Der Reha-Termin wurde abgesagt, wieder bestätigt und am 23.3. kam sie dann zur Reha auf die Lassnitzhöhe. Immer noch guter Dinge hat meine Mutter das Reha-Programm auch brav mitgemacht, als allerdings nach mehr als einer Woche noch immer kein Besuch kam, verzweifelte sie. Wir haben jeden Tag telefoniert, aber das war einfach zu wenig Kontakt! Sie fühlte sich dort allein und verlassen, wurde immer depressiver, hat die Situation einfach nicht verstanden! Meine Mutter dachte, wir hätten sie abgeschoben und kein Interesse an ihr! Dies war nicht nur für sie sehr traurig, auch ich habe in dieser Zeit sehr viel geweint, weil ich ihr nicht helfen konnte. Ich habe dann versucht, sie zu besuchen, wurde aber leider nicht eingelassen, durfte sie nicht einmal sehen!

Aufgrund der Depressionen bekam meine Mutter Psychopharmaka, die bei ihr zu wildesten Fantasien führten. Sie lehnte weitere Reha-Behandlungen ab bzw. wurde auch nicht zu diversen Therapien gebracht, obwohl sie nicht fähig war, selbst zu gehen. Zum Ende der Reha wurde mir mitgeteilt, dass die Behandlung auf keinen Fall fortgesetzt werden könne, weil sie nicht kooperativ wäre.

Für einen Heimplatz war sie natürlich schon angemeldet, allerdings hatte ich bis zum 20. April immer noch keine Zusage. Erst nachdem ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, bekam ich am 22.4. eine Zusage für ein Pflegeheim. Zwar nicht in unserem Wunschheim, aber meine Mutter bekam Betreuung. Am 23.4. wurde sie ins Pflegeheim Maria Lanzendorf überstellt. Besuchen durfte ich sie erst ein paar Tage später.

Ich war erschüttert! Meine Mutter hatte stark an Gewicht verloren und auch sonst war sie eine gebrochene Frau. Die Fortschritte, die sie bis Mitte März gemacht hatte, waren dahin! Sie saß im Rollstuhl. Ab Anfang Mai durfte ich sie wieder fast täglich besuchen, jetzt ging es ein wenig bergauf. Abgesehen von ihren wilden Fantasien, die mich ängstigten, da ich dachte, sie würde den Verstand verlieren.  Die Ärztin im Pflegeheim setzte dann die Psychopharmaka ab, und siehe da: Die Wahnvorstellungen wurden immer weniger!

Anfang Juli wurde meine Mutter schließlich in unser Wunsch-Pflegeheim nach Pottendorf, ihrem Heimatort, verlegt. Jetzt konnte nicht nur ich sie täglich besuchen, sie hatte auch ihre Sozialkontakte von früher. Meine Mutter lebte wieder auf!

Mitte Dezember verstarb der Schwager meiner Mutter, er war 92 Jahre alt und stark dement. Meine Tante besuchte ihn täglich im Pflegeheim, bis er an einer Lungenentzündung erkrankte und nach Eisenstadt ins Krankenhaus verlegt wurde. Meiner Tante sagte man, sie dürfe ihren Mann erst nach sieben Tagen besuchen! Am diesem siebten Tag verstarb mein Onkel. Sie hatte keine Möglichkeit, sich von ihm zu verabschieden. Darunter leidet nicht nur sie selbst extrem, sondern auch meine Mama, weil sie ihre kleine Schwester nicht leiden sehen mag!

Jetzt haben wir wieder einen Lockdown, und ich kann meine Mutter wieder nicht besuchen! Das heißt, ich könnte sie einmal pro Woche für 30 Minuten sehen, dafür müsste ich mich aber jedes Mal testen lassen. Und das will und kann ich nicht. Ich fühle mich gesund und habe Angst vor einer falsch positiven Testung. Dann wäre ich in Quarantäne und somit könnte ich auch nicht mehr auf mein zweijähriges Enkelkind aufpassen. Damit würde auch der Job meiner Schwiegertochter in Gefahr schweben.  Ich will meine Enkeltochter unbedingt aufwachsen sehen und nicht wieder wochenlang nur videotelefonieren!

Ich versuche, meine Mama jetzt mehrmals pro Woche wenigsten am Fenster zu sehen und sie aufzumuntern Wir telefonieren täglich, aber dennoch wird es wieder mit jedem Tag ein wenig schlechter und alle Fortschritte, die sie gemacht hat, beginnen zu verschwinden. Außerdem müssen die Bewohner des Heims mittlerweile den ganzen Tag über Maske tragen und den Großteil des Tages am Zimmer bleiben, da die Abstände eingehalten werden müssen.

Mein größter Weihnachtswunsch ist, dass meine Mama Weihnachten im Kreise ihrer Familie feiern darf!

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