Offener Brief an unsere Experten und Wissenschaftler – und drei Bitten
14. März 2021
von Wolfram Steurer

Liebe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler!

Ich war einer von euch. Viele Jahre habe ich für wenig Geld, stets in befristeten Arbeitsverhältnissen, am Aufbau von Wissen gearbeitet, war stolz auf meine Ergebnisse, fühlte mich wichtig und sah mein Tun als Dienst an der Menschheit. Abgesehen von einzelnen Ehrungen erfuhr ich selten Anerkennung dafür. Meist wurde ich für meinen Idealismus und Wissenseifer belächelt. Wie oft sinnierte ich, dass die Bevölkerung die Wissenschaft und die Menschen dahinter zu wenig zu schätzen weiß?

Ich sage es offen und ehrlich: Ich freue mich für euch! Ich freue mich, dass ihr und eure Arbeit nun über Monate einen Platz an der Sonne genießt. Dass ihr uns täglich aus Zeitungen und dem Fernsehen grüßt und landauf, landab, von jung bis alt, wissenschaftliches Vokabular zur Alltagssprache wird: FFP-2, R-Faktor, exponentielles Wachstum, um ein paar Begriffe zu nennen. Als Experten werdet ihr regelrecht verehrt, wenn nicht gar vergöttert. Unantastbaren Wesen gleich, aus deren Mündern Wissen quillt, das nicht durch Widerspruch profaniert werden soll. Ein Sünder und Querdenker, der euren Worten nicht uneingeschränkt Glauben schenkt. Auch die Politiker, die eure Arbeitsplätze über Jahrzehnte mehr schlecht als recht finanziert hatten, huldigen euch nun. „Da muss man den Experten vertrauen“ – wie oft haben wir diesen Satz in den letzten Monaten gehört?

Vermutlich habt ihr das nicht beabsichtigt, aber ihr habt uns in eine gefährliche Situation gebracht. Die Politiker vertrauen euch nicht nur, sie verlassen sich auf euch. Sie verstehen nicht, was es heißt Wissenschaftler zu sein. Stets sachlich („unbiased“), frei von Gefühlen, allein dem wissenschaftlichen Ethos verpflichtet, bringt ihre eure Ergebnisse unter die Volksvertreter, die zwischen euren Zeilen lesen und hören, was ihr weder geschrieben noch gesagt habt, und darauf aufbauend Verordnungen erlassen, Menschen isolieren, Betriebe schließen – kurz Corona-Politik machen.

Es ist nicht euer Fehler, wenn die Vertreter unserer repräsentativen Demokratie die faktische Verantwortung an euch abgetreten haben. Warum ich dies als gefährlich erachte? Weil Wissen und Wissenschaft für die Führung eines Landes nicht ausreichen. Menschen leben Beziehungen und haben Gefühle. Die Führung eines Landes braucht neben Wissen also insbesondere Einfühlungsvermögen, Empathie und die Fähigkeit abzuwägen und ausgewogen zu urteilen.

Da ich wenige Anzeichen sehe, dass unsere Politiker euch die Last der Verantwortung wieder abnehmen und, ja, die schweren Entscheidungen dieser Zeit in einem Geiste der Weisheit treffen wollen, habe ich ein großes Anliegen an euch: Bitte kümmert euch nicht nur um die Ausbreitung von Covid. Bitte unterstützt unsere Politiker mit Simulationen und Szenarien zu Vereinsamung und Demenz, zu psychischen Störungen und Gewalt in der Familie als Folge der Lockdown-Maßnahmen. Bitte zeigt auf, welche mittel- und langfristigen sozialen Folgen sich aus den Schulschließungen ergeben können und welche Gefahren daraus für unsere Demokratie entstehen. Ich danke euch!

Euer
Dr. Wolfram Steurer

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ThisIsEngineering / Pexels

Wolfram Steurer

Dr. Wolfram Steurer ist Physiker und Fremdsprachenliebhaber. Nach etlichen Wanderjahren im Dienste der Wissenschaft - u.a. bei IBM Research Zurich - ist er 2015 ins Ländle zurückgekehrt. Im Herzen ein (Bregenzer-) "Wälder" geblieben, kümmert sich der Vater dreier schulpflichtiger Kinder heute um Digitalisierungsthemen bei einem größeren Vorarlberger Industrieunternehmen.

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