Plattform RESPEKT

für Freiheit, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit

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Grundrechte
und Rechtsstaatlichkeit

Wie viel sozial und wie viel Wirtschaft steckt in der Interessensvertretung der Sozialwirtschaft?

Ich habe genug.

Gestern zeigten sich im gesamten Bundesland ein Aktionstag der Ärzte und Pflege in den OÖ Krankenhäusern. Mit Plakaten wie „Wir krempeln die Ärmel auf – du auch? Lass dich impfen! Oder Wir sind am Limit – Lass dich impfen!

Die Überschrift im Beitrag der OÖN lautete „Die 4. Welle verdanken wir den Impffaulen“. Was bewegt einen Journalisten derart spaltend, wertend zu berichten? Wie viel Aktionismus der Politik und Ärztekammer steckt hinter der Aktion der Krankenhäuser? Ich bin zutiefst erschüttert über die Radikalisierung der Sprache, der Berichterstattung und der dazugehörigen Bilder die unsere Gesellschaft spaltet. Einteilt in gut und böse, in Willige und Gegner, in Beschwörer und Verschwörer. Ich habe genug von diesen polarisierenden, manipulierenden Bildern und Berichten, von allen Seiten!

Ich bin Sozialbereich mit ausgrenzungsgefährdeten Jugendlichen tätig. Doch wie viel Sozial wird in unserem Bereich noch gelebt. Wir heften uns Diversität und Individualität an die Fahne, jede/r kann so sein, wie sie/er ist. Diese Jugendlichen haben unterschiedlichste Bedürfnisse, manche haben Erfahrungen mit Mobbing, Gewalt, Missbrauch, Krankheit, Lernschwierigkeiten, Beziehungsabbrüchen, psychosoziale Schwierigkeiten, manche finden keinen Anschluss in Gemeinschaften, sind entwicklungsverzögert oder haben noch keinen Plan von der (beruflichen) Zukunft. All diese Menschen nehmen wir mit ihren Unterschiedlichkeiten an, versuchen zu stärken und ihnen das Gefühl zu geben: „Du bist richtig so wie du bist“.

Aufgrund dieser Vielfalt und Herausforderungen habe ich mich in den letzten Jahren mit dem Gebiet der Traumapädagogik beschäftigt. Mit Täter – Opfer Dynamiken, mit Beziehungsgestaltung, Bindungstheorie, transgenerationalen Traumata und deren Weitergabe, den Mechanismen von Angst, Fight/Flight/Freece und den Auswirkungen auf das Gehirnen und dessen Entwicklung. Nie hätte ich gedacht, dass mich durch Corona all diese Themen in dieser Wucht und Größenordnung treffen würden. Mit Andauern der pandemischen Maßnahmen ist auch in unserer Einrichtung das analytische Denken und die Diskussion immer mehr einem Gefühl von Angst, Sprachlosigkeit, und Resignation gewichen. Meist stillschweigend haben wir uns gefügt, es wurden Maßnahmen umgesetzt, auch wenn sie teilweise als fragwürdig angesehen wurden, ist man in ein neues Normal übergegangen.

Mir hat meine Arbeit immer enorme Freude, große Sinnhaftigkeit und Bereicherung geschenkt. So gut es ging und im Rahmen meiner Möglichkeit habe ich versucht, die Einschränkungen durch die Coronaregelungen für die Jugendlichen und mich so gering wie möglich zu halten. Ich habe zuerst mit Erstaunen, später mit Schrecken festgestellt, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft, auch unsere Gemeinschaft in unserem Jugendprojekt, sich hin entwickelt. Ich habe mit mir gerungen, nach einem Ausweg gesucht, auf ein Ende der Maßnahmen gehofft und manchmal meinen Befürchtungen Ausdruck verliehen. Dennoch entstand da dieses Gefühl von Verrat mir gegenüber und auch den von mir zu betreuenden. Ein Gefühl, die Jugendlichen nicht genug zu unterstützen, ja sie sogar zu nötigen Maske zu tragen, sich zu testen, Abstand zu halten, wenn sie weiterhin zu uns kommen wollen. Nun, da der Impfdruck immer größer wird und ich das mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren kann, komme ich in ein immer größeres Dilemma. „Was machen wir da?

Was mache ich?“ Ich bin hin- und hergerissen. Meines Erachtens habe ich nicht die Erlaubnis und es liegt keinesfalls in meinem Verantwortungsbereich diese medizinische, höchst persönliche Angelegenheit und Entscheidung für eine Impfung zu werden und diese voranzutreiben. Ich will den Gesundheitszustand weder einteilen, noch bewerten, noch dokumentieren. Ich arbeite in keiner medizinischen Institution sondern im sozialpädagogischen Setting, beruhend auf Sicherheit, Offenheit, Wertschätzung und Vertrauen.

Unter diesen Voraussetzungen kann ich nicht mehr tätig sein, es würde zum Verrat an mir und meinen eigenen Werten führen. Ich habe eine Bildungskarenz Auszeit genommen, auch wenn Anfangs das Gefühl von „Ich hab die Jugendlichen in Stich gelassen“ groß war. Aber es geht auch um mich persönlich, um den Schutz meiner Person und meines Innersten.

Dann habe ich gestern ein Corona Update von „meiner“ Interessenvertretung, der Sozialwirtschaft, gelesen. Eine Impfung der Mitarbeiter ist das Hauptziel, mögliche Praktikantenplätzen sollen nur mehr an Personen mit erfolgter gültiger Impfung vergeben werden, genauso wie für neue Mitarbeiter eine Covid Impfung zum Einstellungsstandard gehören soll. Etwaige Vorteile für geimpften Kollegen seien sehr zu begrüßen und diese zu erweitern. Es wird offen darüber geschrieben, die Möglichkeiten eines Ausschlusses (noch) nicht geimpfter Mitarbeitern/innen von Teambesprechungen oder Veranstaltungen, wie einer Weihnachtsfeier in Betracht zu ziehen. Wenn gleich es Auswirkungen auf das Teamgefüge haben könnte, dies sei zu bedenken. Auch kann eine Versetzung zielführend sein und eine Kündigung wäre generell immer möglich. Wie ist das Verhältnis jetzt zu sehen von sozial zur Wirtschaft?

Ich habe richtig entschieden.

www.sozialwirtschaft-oesterreich.at/folder/380/Veranstaltung_Corona_Impfung_07.10.2021_BSWM.pdf

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