Das unersättliche Über-Ich – oder warum man sich nicht impfen lassen sollte, nur um seine Rechte wiederzubekommen.
06. Juni 2021
von Rebecca Niazi-Shahabi

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 22.5.21 auf 1bis19.de und wird hier mit Erlaubnis der Autorin publiziert.

Sigmund Freuds Erkenntnisse über Wahn und Über-Ich sind von unschätzbarem Wert, möchte man die heutige Situation einschätzen und außerdem das Richtige tun.

Bis jetzt hatte die Regel gegolten, dass man sich nur aus medizinischen Indikationen impfen lässt, und nicht, weil man endlich wieder reisen oder in den Biergarten möchte. So weit so gut, jeder weiß aber, dass man das Leben nicht meistert, wenn man allzu starr an seinen Prinzipien festhält, denn wer starr ist, zerbricht irgendwann. Um zu leben, muss man weich sein. So mahnte auch ein Freund, als ich ihm sagte, dass ich es nicht fassen könne, dass ich meine Familie in Israel nicht mehr besuchen darf, denn Ungeimpfte kommen nicht mehr ins Land, bzw. müssen in Quarantäne. Alles hat sich geändert, gesunde Menschen sind jetzt potentiell Kranke und das Selbstverständnis des Staates Israel, die Freiheit eines jeden Juden zu verteidigen, gilt nicht mehr – einzige Ausnahme, wenn er geimpft ist. Ich solle kein Dogma aus der Impffrage machen, sagte der Freund, er würde sich jedenfalls gegen seine Überzeugung impfen lassen, wenn nur so das Reisen wieder möglich wird.

Wer am Halt anderer rüttelt, wird zur Zielscheibe

Auf den ersten Blick mag das überzeugen, denn Widerstand zermürbt nicht nur, er macht den Widerständigen zur Zielscheibe. Da ein Großteil der Gesellschaft beschlossen hat, seinen Halt in Maßnahmen und Impfen mit einem nicht ausreichend geprüften Impfstoff zu suchen (und Freunde, die sich früher darüber aufgeregt haben, dass das Kind im Kindergarten Dinkelkekse zu essen bekommt, obwohl man ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass man Zucker für reines Gift hält, sich mit viel Aufwand und kleinen Tricks einen frühen Impftermin besorgt haben), werden sie jeden ausschließen, der an diesem Halt rüttelt.

Sigmund Freud nannte das Projektion: Da jede Unsicherheit bei einer Angststörung ausgeschlossen werden soll, wird jeder, der explizit auf eben diese Unsicherheit als eine nicht zu beseitigende Tatsache hinweist, aufs Äußerste bekämpft. Das muss also nicht sein, dass man sich für diese Projektionen zur Verfügung stellt, dadurch ändert sich nichts und es ist daher eine akzeptable Entscheidung, sich nicht offen gegen den Wahn zu wenden, sondern zu versuchen, einigermaßen unbeschadet durch diese Zeit zu kommen in der Hoffnung, dass sich der Wahn irgendwann verläuft.

Auf den zweiten Blick liegt die Sache anders. Würde man tatsächlich mit Sicherheit sagen können, dass man durch diese Impfung gegen die eigene Überzeugung, (weil man nicht zur Risikogruppe gehört, weil man die Nebenwirkungen der Impfung für wahrscheinlicher einschätzt als einen schweren Krankheitsverlauf bei einer Infektion mit dem Virus) die nächsten zwanzig Jahre Ruhe hat, wieder reisen und im Biergarten sitzen darf, Theatervorstellungen und Konzerte genießen kann  – man würde es wahrscheinlich tun.

Das Über-Ich ist nicht vernünftig, es tut nur so

Seit Sigmund Freud wissen wir, so einfach ist die Sache nicht. Das Über-Ich, also die moralische Instanz unserer Persönlichkeit, hat – genau wie das ES, also der Bereich der elementaren Bedürfnisse und Affekte – die Tendenz, sich auszubreiten. Als souveräne Persönlichkeit (genannt das ICH), gebietet man sowohl dem einen als auch dem anderen Einhalt, tut man das nämlich nicht, drohen entweder das Über-Ich oder das ES die Persönlichkeit zu übernehmen. Es ist das Über-Ich, welches als Gewissen empfiehlt, bestimmte Dinge zu tun und andere zu unterlassen und das ICH entscheidet, welche Empfehlungen in welcher Situation berücksichtigt werden sollen. Schließlich muss das ICH noch das ES befragen; das hat viele Bedürfnisse und heftige Wünsche, manche davon müssen auch erfüllt werden, sonst lohnt sich das Leben nicht.

Das Wichtigste hierbei ist zu verstehen, dass wir nicht nur das ES, sondern auch das Über-Ich beschränken müssen. Denn wer, das hat Sigmund Freud an seinen zwanghaften Patienten studieren können, dem Über-Ich gehorcht, besänftigt es nicht, im Gegenteil: Je mehr man es dem Über-Ich Recht machen will, so legte er in seiner Studie „Das Ich und das ES“ dar, desto mehr fordert es. Und mit jedem Mal wird es schlimmer und absurder.

Das gesellschaftliche Über-Ich, also die moralischen Appelle, sich aus Solidarität mit anderen oder des höheren Ziels wegen (Covid 19 zu besiegen) an sämtliche Maßnahmen zu halten, sind also mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Wer hier einmal „gehorcht“, wird sehr bald feststellen, dass das Über-Ich keine Ruhe gibt. Erst Masken, dann testen, dann Masken trotz Test, dann Pflegekräfte impfen, dann die Alten, dann die Kinder, dann Impfzwang durch angedrohten Ausschluss aus sämtlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen (also den völligen Ruin). Wer immer noch glaubt, dass er seine Kinder nach der Impfung wieder ganz normal in die Schule schicken darf, wird sich wundern.

Wahnhafte Maßnahmen haben noch nie Sinn ergeben

Solange der Wahn nicht von der Gesellschaft losgelassen werden kann, solange gehen die Zwangsmaßnahmen weiter. Es ist keine Überraschung, dass jetzt schon Forderungen auftauchen, dass sich alle Geimpften nach sechs Monaten nachimpfen lassen sollen, weil ja die ersten Impfungen nicht gegen die Mutanten schützt! Und der Virologe Kekulé empfiehlt am 15. Mai 2021 der NZZ, dass auch geimpfte Menschen lieber mit Maske im Biergarten sitzen sollten, vorsichtshalber. Und dass, obwohl sich das Virus nicht im Freien überträgt, Masken also unsinnig sind und überhaupt, der Mensch nicht nur eine Maschine ist, also auch krank werden kann, wenn er sich seines Lebens nicht mehr freuen darf.

Es wird weitergehen, erklärte ich meinem Freund, wir werden uns impfen lassen und dann gleich wieder impfen lassen müssen und es wird trotzdem überall Maske getragen werden müssen, und sicher werden irgendwann auch die anderen tatsächlich mal die Sterbezahlen von Influenza und Corona vergleichen, wie es so viele Kritiker der Maßnahmen seit Monaten empfehlen, und sie werden auch die daraus gewonnen Einsichten derart verdrehen, dass sie fordern, dass sich nächstes Jahr alle zusätzlich gegen Influenza impfen lassen sollten und nicht nur, wie bisher, die Menschen, die das wollen.

Ein Wahn ist tödlich, der Virus nicht

Ein Wahn hat keine Grenze, erkannte Sigmund Freud, er dehnt sich aus, er erfasst alle Lebensbereiche, er zersetzt den Verstand. Jeder weiß, dass es stimmt, hat man einmal Angst vor Bakterien, dann wird es mit vermehrtem Händewaschen anfangen und im Schutzanzug in einer sterilen Behausung in einer menschenleeren Wüste enden. Wer nicht vom Wahn gefangen wird, wird von den Wahnhaften immer als Außenstehender wahrgenommen, da kann er noch so willig mitspielen wollen. Der Wahn hat die Tendenz, seinen Träger in die eigene Vernichtung zu treiben, da ist er erbarmungsloser als das Corona-Virus. Das immerhin darf nicht jeden befallenen Wirt unter sich begraben, sonst kann es sich ja nicht vermehren.

Der Wahnhafte aber bringt es fertig, sich selbst zu vernichten, um endlich den „Feind“ zu besiegen – und wenn er dabei auch noch alles andere in den Abgrund zieht. Wir erleben es jeden Tag und können nur entgeistert zuschauen.

Man kann also nur hoffen, dass sich dieser Wahn in naher Zukunft auflöst, eins ist sicher, durch Gehorsam und Impfung besänftigt man ihn nicht.

Bild

Alfredo Grados Rivero / FLICKR

Rebecca Niazi-Shahabi

Rebecca Niazi-Shahabi stammt aus einer deutsch-iranisch-israelischen Familie und lebt in Berlin. Sie arbeitet als Autorin und Werbetexterin und schreibt populär-philosophische Sachbücher, von denen einige Bestseller wurden.

Kontakt

2 + 7 =

Newsletter

Tragen Sie sich in unsere Mailingliste ein und erhalten Sie regelmäßig Informationen über unsere Arbeit.

Send this to a friend