Belastung und Gewinne deutscher Krankenhäuser 2020
28. Mai 2021
von Dr. Andreas Sönnichsen

Am 30.4.2021 veröffentlichte das RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Gesundheit seinen Projektbericht „Analysen zum Leistungsgeschehen der Krankenhäuser und zur Ausgleichspauschale in der Corona-Krise“.

Der Beirat des Gesundheitsministeriums bemerkt hierzu: „Gute Patientenversorgung auch in der Corona-Pandemie stets gewährleistet“ und „Die Mitglieder des Beirats betonten, dass die Pandemie zu keinem Zeitpunkt die stationäre Versorgung an ihre Grenzen gebracht hat.“

Die detaillierten Zahlen stellen endlich richtig, was lange zu vermuten war. Der in den Medien lautstark verkündete drohende Zusammenbruch des Gesundheitssystems und die Überlastung der Intensivstationen durch Corona-Patienten entsprach zu keinem Zeitpunkt der Wahrheit. Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es durch lokale und zeitlich begrenzte Ausbrüche im Verlauf der Pandemie lokal und zeitlich begrenzt zur Überlastung einzelner Intensivstationen oder Krankenhäuser gekommen sein kann, so wie wir es aus vergangenen Influenza-Wellen kennen.

In Deutschland wurden 2020 insgesamt 16,777 Mio. stationäre Behandlungsfälle gezählt. Gegenüber 2019 (19,242 Mio.) entspricht dies einem Rückgang um 12,8%. Die durchschnittliche Verweildauer blieb mit 6,02 Tagen (2020) gegenüber 5,98 Tagen (2019) fast gleich (+0,7%). Es kam daher zu einem Nettorückgang der Bettenauslastung von 75,1% (2019) auf 67,3% (2020) (-7,8%).

Nur bei 1,03% aller Behandlungsfälle wurde die Diagnose COVID-19 als Behandlungsdiagnose angegeben, wobei nicht zwischen lediglich Test-Positiven und solchen mit COVID-19 als Hauptdiagnose unterschieden wird. Patienten mit der Diagnose COVID-19 machen durch eine etwas längere Verweildauer 1,9% aller Behandlungstage aus. Die Belegungsquote durch Patienten mit der Diagnose COVID-19 erreichte mit 5% im Dezember 2020 ihren Höchststand.

Die Gesamtzahl der Behandlungstage auf Intensivstationen war 2020 fast unverändert im Vergleich zu 2019 (6,754 Mio. 2019 versus 6,711 Mio. 2020, Rückgang um 0,6%). Auch die Bettenauslastung auf den Intensivstationen ging von 69,6% 2019 auf 68,6% 2020 leicht zurück. Der Anteil der Patienten mit der Diagnose COVID-19 betrug 36.198 Behandlungsfälle bzw. 398.178 Behandlungstage entsprechend 5,9% aller Intensivbehandlungstage.

Interessant ist weiterhin, dass die Gesamtzahl der Patienten mit stationärer Behandlung wegen einer akuten Atemwegserkrankung von 665.274 (2019) auf 581.585 (2020) sogar leicht zurückgegangen ist. Da auch die Gesamtzahl der stationären Behandlungen gesunken ist, lag der Anteil mit 3,5% aller stationär behandelten Fälle in beiden Jahren gleichauf.

Besonders brisant ist die Tatsache, dass die Krankenhäuser trotz eines Rückgangs ihrer Erlöse infolge der Minderauslastung im Jahr 2020 ihre Gewinne gegenüber 2019 durch Kosteneinsparungen und die staatlichen Corona-Ausgleichszahlungen um 3,7% steigern konnten.

Der Bericht des RWI ist online frei verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/C/Coronavirus/Analyse_Leistungen_Ausgleichszahlungen_2020_Corona-Krise.pdf

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Frederic Köberl / Unsplash

Dr. Andreas Sönnichsen

Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen ist Wissenschaftler und Allgemeinmediziner. Seit 2018 ist er Professor für Allgemeinmedizin mit Leitung der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin, Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien. Er war Vorstand des Instituts für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg, des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Witten/Herdecke und bis zu seinem Rücktritt am 11. Jänner 2021 Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM). Sönnichsen ist Herausgeber und Autor zahlreicher Lehrbücher für Medizin, so z. B. der EbM-Guidelines – Evidenzbasierte Medizin für Praxis und Klinik, die in der 7. Auflage beim Verlagshaus der Ärzte erschienen sind.

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