JETZT SPRICHST DU: Die Ängste der Kinder in der Corona-Krise
26. Mai 2021
von Univ.-Prof. Dr. Manuel Schabus, Msc. Esther-Sevil Eigl, Susanne Halbeisen

Kindheit und Jugend sind nicht selten Zeiten voller Ängste. Manche von ihnen gehören zu einer gesunden psychologischen Entwicklung, andere wiederum wirken sich tiefgreifend auf die Psyche aus und prägen den Rest des Lebens. Wie wirkt sich die massive Verunsicherung, auch der Erwachsenen, in der Corona-Krise auf Heranwachsende aus? Univ.-Prof. Dr. Manuel Schabus und MSc. Esther-Sevil Eigl befragten Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren, wovor sie sich zurzeit besonders fürchten, was sie wütend und traurig macht. Sie unterschieden dabei für unsere Sonderauswertung zwei Gruppen:

  • Heranwachsende aus Familien, die vor allem Angst vor einer Ansteckung, Erkrankung und dem Tod durch Covid-19 haben; der Einfachheit halber werden sie im Artikel „Covid-ängstlich“ genannt
  • Kinder und Jugendliche aus Familien, die Corona als „nicht (sehr)“ oder „überhaupt nicht gefährlich“ einschätzen. Sie werden im Folgenden als „Covid nicht-ängstlich“ bezeichnet.

 

Die Volksschulkinder

Täglich Nasenbohren, um ein Testergebnis zu bekommen– das scheint Volksschulkinder aus Covid-ängstlichen Familien nicht zu stören. 4,7 % finden den Test unangenehm und er macht ihnen Angst. Ganz anders ist die Lage bei Kindern aus Covid nicht-ängstlichen Familien: Hier finden 44,3 % die Tests sehr unangenehm und furchteinflößend.

Eine weitere große Diskrepanz: 74,7 % der Volkschüler aus Covid-ängstlichen Familien halten Corona für „gefährlich“ bzw. „sehr gefährlich“ (11,9%). Die Schülerinnen und Schüler aus der anderen Gruppe sehen dies anders: Nur 3,1 % halten Corona für „gefährlich“, 20,8 % halten eine Covid-19-Erkrankung für ähnlich gefährlich wie eine Influenza.

Egal, aus welchem Haushalt die Kinder stammen, ob sie Covid-19 selbst für gefährlich halten oder nicht: Die momentane Situation um Corona macht allen Angst, und zwar im annähernd gleichen Maße. 50,9 % der Covid-Ängstlichen und 49 % der Covid Nicht-Ängstlichen sagen, dass sie seit über einem Jahr mit dem Grundgefühl ständiger Angst leben.


Beim seelischen Allgemeinzustand schneiden die Kinder aus „Covid nicht-ängstlichen“ Familien deutlich schlechter ab: 80,7% geht es schlechter als vor Corona. Bei der anderen Gruppe sind es 67,5%. Woran könnte dies liegen? Es ist anzunehmen, dass das ständige „Anecken“ dieser Familien, das Anderssein und die daraus resultierenden Diskussionen und Konflikte mit denjenigen, die „konform“ denken, auf lange Sicht Stress, Unsicherheit und Frust auslösen. Auch bei den Zukunftsaussichten sehen Kinder aus Covid nicht-ängstlichen Familien schwärzer. Normalität erwarten sich 25,5% erst im Jahr 2022. Bei der anderen Gruppe besteht für immerhin 41,9% die Hoffnung, dass es bereits 2022 einen Weg zurück in die Normalität geben könnte.

Generell gehören zu den größten Ängsten der Kinder aus beiden Gruppen, dass es noch lange dauern wird, bis das Leben so wie vorher wird (57%), dass das Leben nie wieder so wird wie vorher (47,1%) und dass Erwachsene oder Geschwister aus ihrem Umfeld sterben könnten (37,2%).

Die Mittelschülerinnen und – schüler

Bei den Mädchen und Jungen zwischen 11 und 14 nimmt der Angstpegel in einigen Bereichen ab, in anderen jedoch zu. 40,2 % der Covid-Ängstlichen macht die aktuelle Situation um Corona Angst, bei der anderen Gruppe sind es 33 %. Beim psychischen Allgemeinzustand sieht es aber auch hier nicht gerade rosig aus: 29,4 % der Covid Nicht-Ängstlichen geben an, dass es ihnen „viel schlechter“ gehe. In der anderen Gruppe sind es 17,3%.

Normalität erwarten die Covid-Ängstlichen zum größten Teil im Jahr 2022 (46%). Die Kinder aus der nicht-ängstlichen Gruppe denken pessimistischer: nur 26,4% halten Normalität bereits im Jahr 2022 für realistisch.  Hier sind vor allem Kinder aus Covid nicht-ängstlichen Familien perspektivloser, was die Zukunft angeht: 71,1% glauben, dass es gar nicht mehr so wie vorher wird bzw. noch lange dauert (62,1%) oder es ihre Zukunftschancen einschränkt (49,8 %). Schülerinnen und Schüler aus der Covid-ängstlichen Gruppe hingegen leben mit der primären Angst, dass Erwachsene aus ihrem Umfeld sterben (60,4%) oder erkranken (45%) könnten.

Die Oberstufenschülerinnen und – schüler

Bei älteren Jugendlichen nehmen vor allem die persönlichen psychischen Probleme zu. Angst haben 51,5 % Prozent der Covid-Ängstlichen, bei der anderen Gruppe sind es 39,6 %. Auch der psychische Allgemeinzustand wird als viel schlechter eingeschätzt als bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern: 41,1 % der Jugendlichen aus Covid nicht-ängstlichen Haushalten geht es „viel schlechter“ als vor Corona, 25,6 % der Covid-Ängstlichen beklagen dies ebenfalls. Dies mag der größeren Reife und der stärkeren Beschäftigung mit dem Thema „Zukunft“ geschuldet sein. Andererseits könnte auch der Fakt, dass 44,2 % dieser Altersgruppe seit Ausbruch der Pandemie „selten“, bzw. „nie“ in der Schule waren (21,6%), ausschlaggebend sein. Dass das Leben nie wieder so wird wie vorher, halten 70 % der Covid Nicht-Ängstlichen für wahrscheinlich; in der Gruppe der Covid-Ängstlichen sind es immerhin noch 41,8 %.

Todesgefahr in allen Altersgruppen stark überschätzt

Egal aus welcher Familie sie stammen, die Kinder und Jugendlichen überschätzen allesamt massiv die Gefahr, selbst aufgrund einer Covid-19-Infektion ins Krankenhaus zu müssen. In der Gruppe der Volksschüler beispielsweise halten 19,9 % der Covid-ängstlichen Kinder sie für groß, bei der anderen Gruppe sind es nur 3,2 %. Auf die Frage: „Was denkst Du: Von 1.000 Schülerinnen und Schülern, die so sind wie Du, wie viele davon werden in den nächsten 12 Monaten schwer an Corona erkranken und im Krankenhaus landen?“ antworten die Kinder und Jugendlichen im Schnitt: „5 von 1.000“.  Das klingt zwar nicht nach viel, doch in Relation zu den tatsächlichen Daten ist auch das noch viel zu hoch. Das tatsächliche Risiko für diese Altersgruppe liegt bei etwa 0,0025 %, d.h. circa eines von 40.000 SARS-COV-2 infizierten Kindern/Jugendlichen müssten auch ins Krankenhaus und wegen einer SARS-COV-2-Infektion behandelt werden. Die Todesangst der Kinder und Jugendlichen ist circa 200mal (!) so hoch, wie sie eigentlich realistischerweise sein sollte.

Generell kann gesagt werden, dass das Risiko, wegen SARS-COV-2 hospitalisiert werden zu müssen oder an Covid-19 gar zu sterben, massiv überschätzt wird. Selbst für Personen unter 65 ist das Mortalitätsrisiko äußerst gering und mit dem Risiko, am täglichen Arbeitsweg per PKW tödlich zu verunglücken, vergleichbar.[1] Diese irrationalen Ängste in der Bevölkerung müssen daher besser verstanden werden und Aufklärung dazu erfolgen, um keinen dauerhaften Schaden durch chronische Ängste in der Gesamtbevölkerung und über alle Altersschichten hinweg auszulösen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Gesellschaft in Zukunft um diese tiefsitzenden Ängste, vor allem der jungen und nächsten Generation, kümmern wird, will – und kann! Statt täglicher Horrormeldungen und politischem Hin und Her wären Umsicht, Unterstützungsangebote und vor allem Rücksicht auf diese besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe das Gebot der Stunde. Selten haben die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, für sich zu sprechen, was Umfragen wie die von Univ.-Prof. Dr. Schabus und MSc. Esther-Sevil Eigl zu unschätzbar wertvollen Quellen für Politik, Psychologie und Medizin macht. Für alle direkt betroffenen Kinder, Jugendlichen, Eltern und Pädagog*innen bietet die Plattform RESPEKT+Bildung[2] eine Anlaufstelle.


[1] Ioannidis, Axfors, & Contopoulos-Ioannidis, 2020

[2] https://respekt.plus/paedagoginnen-manifest/


Bild

Tima Miroshnichenko / Pexels

Univ.-Prof. Dr. Manuel Schabus, Msc. Esther-Sevil Eigl, Susanne Halbeisen


Manuel Schabus ist Universitätsprofessor und Schlafforscher am “Centre for Cognitive Neuroscience” der Universität Salzburg. Neben dem Aufbau des Schlaflabors an der Universität hat er zahlreiche international beachtete Beiträge zur Schlaf-, Bewusstseins-, und Gedächtnisforschung veröffentlicht. Er wurde als erster Psychologe mit dem renommierten START-Preis des FWF ausgezeichnet. Zu seinen Fachgebieten und erklärten Zielen gehören neben der Gehirnforschung die Behandlung der Schlaflosigkeit (sog. Insomnie) und die Förderung des gesunden Schlafes in einer zunehmend rastlosen Gesellschaft. Als Praktiker ist er als personzentrierter Kinder- und Jugendpsychotherapeut ausgebildet und leitet Forschungsprojekte zur frühkindlichen Interaktion und Bindungsforschung.

Msc. Esther-Sevil Eigl promoviert an der Paris-Lodron-Universität Salzburg im Bereich Kognitive Neurowissenschaft und arbeitet im Labor für Schlaf- und Bewusstseinsforschung.

Susanne Halbeisen, MA ist Literaturwissenschaftlerin, Lektorin, Übersetzerin und Schriftstellerin. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt, unterrichtet sie Qigong und betreut Haftinsassen als buddhistische Seelsorgerin.

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