Offenbarungseid – der Dritte – Wider das Verstummen
07. Mai 2021
von Dr. Beatrix Teichmann-Wirth

Schön langsam wird es still in mir.

Vor einigen Wochen noch konnte ich meine Stimme erheben, laut sein, ärgerlich, empört.

Jetzt wird es still in mir.

Ganz still.

Scheinbar gleichmütig nehme ich die nächste Hiobsbotschaft hin – wir werden nur mehr mit einem grünen Pass in ein anderes Land reisen können, selbst Lokale nur mehr getestet, nach überstandener Krankheit oder geimpft betreten dürfen.

Gerade war der Aufruhr noch laut, der Bundesrat blockierte die nächste Unerhörtheit.

Man/frau muss nur eine Weile abwarten, dann ist sie schon da, die nächste Regelung. Alle applaudieren oder verlangen noch strengere Maßnahmen.

Die meisten Menschen um mich herum sind schon geimpft, viele wie erlöst und einige zeigen in den sozialen Medien stolz ihr Impfdekret.

Und ich schweige.

Und stumm wird’s in mir.

„Okay“, sag‘ ich, „wenn Du meinst, nein, ich bin nicht geimpft, hab mich zu viel informiert“, mehr will ich nicht sagen und das ist schon zu viel. Will niemanden, der den Stoff schon in sich trägt, verunsichern.

Hat ja keinen Sinn.

Jeden Tag ein neuer Schock. Ja, frau glaubt es nicht, es kann immer noch schlimmer werden.

Kurz vor Ende der Pandemie müssen offenbar die richtungsweisenden Weichen für die Neuordnung der Gesellschaft gelegt werden.

Jedes Aufatmen wird zum fassungslosen Atemanhalten.

Wie glücklich war ich, als 50 SchauspielerInnen die Stimme erhoben.

Sie taten es künstlerisch, mit schwarzem Humor, auf den Punkt gebracht haben sie all den gar nicht lustigen Irrsinn – die Zwangs- und Angstneurosen, das Isoliertsein, die zunehmenden Essstörungen bei Jugendlichen, die Gewalt in Familien, die grotesken Botschaften an uns, dass wir das Beste draus machen sollen.

Das hielt einen Spiegel vor.

Und tat weh.

Und dann die Reaktionen, die Empörung – ein Hohn sei das gegenüber den Opfern, den tausenden Toten, meinten einige „ausgezeichnete“ JournalistInnen mit selbstgerechter Verve. Und bald zogen sich viele zurück.

Da erkannte ich: Nein, auch die Kunst ist nicht frei, nicht mehr, hier – bei Corona – ist Schluss mit lustig, Schluss mit wahr.

Und dann denke ich, wann das wohl zuletzt so war in unseren Breiten. Und da darf ich jetzt natürlich keine Vergleiche anstellen, wäre ja ein Sakrileg.

So darf ich – die Andere – nicht mehr den Mund aufmachen und will es auch nicht mehr – weil es genug ist, mich aufzureiben, mich auszusetzen.

Die Stummheit geht bis ins Mark hinein.

Sie betrifft nicht nur meine Stimme, sie reicht bis tief in meine Eingeweide, ich rühr‘ mich nicht mehr – stillhalten, den Atem anhalten, bis es vorbei ist, die Gnadenlosigkeit, die Gewalt. Weil eine Gewalt ist das, was hier passiert und das trau‘ ich mich – noch! – zu sagen.

Ohnmächtig fühle ich mich, ohnmächtig bin ich. All das, was noch vor einiger Zeit, noch vor einigen Wochen unvorstellbar schien, findet statt – fortgesetzt.

Was wird noch sein – Kerker für die, die sich weder impfen noch testen lassen?

Und stumm wird es in mir – eine Resignation, ein Schrumpfen, ein Welken, ein Sterben ist das.

Nicht gesund, gar nicht gesund.


Lesen Sie auch den vorhergehenden Beitrag in dieser Serie: Offenbarungseid die Zweite


Bild

Atharva Tulsi / Unsplash

Dr. Beatrix Teichmann-Wirth

Dr. Beatrix Teichmann-Wirth arbeitet seit über 40 Jahren als Personzentrierte und körperorientierte Psychotherapeutin. Sie war tätig im Bereich Tanztherapie, lehrte und forschte in Wien und Salzburg zum Thema Essstörungen, war 17 Jahre lang Ausbilderin im Fachspezifikum des Forums für personzentrierte Psychotherapie. Seit beinahe 20 Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Krebserkrankungen, unter anderem auf ihrem Blog Krebscoaching. Neben dieser wissenschaftlichen Laufbahn praktiziert sie seit zwei Jahrzehnten Zen-Meditation.

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