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für Freiheit, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit

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Episoden aus der Schule

Ich unterrichte schon seit 33 Jahren an einer Vorarlberger Schule. Ich dachte immer, wir sind eine coole Truppe. Naja, nicht immer, aber meistens. Bis Corona uns mit voller Härte traf. Anfangs war auch ich verunsichert, das muss ich zugeben. Was würde kommen? Würden wir die neue Situation meistern? Ein befreundeter Arzt aus Innsbruck half mir über die Bedenken hinweg und meinte nur: „Neue Viren hat es immer gegeben und wird es immer geben! Keine Panik!“ Ich meinte dann noch: „Du wirst sehen, sie schließen uns die Schule zu!“ Worauf er lachte. Er wurde eines Besseren belehrt. Leider.

Ich trug und trage die Maßnahmen mit. Wobei ich nur die Maske trage. Ich habe noch nie meine Hände desinfiziert. Seife hat mir immer gereicht und reicht mir auch in der Zukunft. Mit meinen Bedenken zu den Maßnahmen bin ich fast allein. Meine Arbeitskollegen feiern die Regierung: „Sollen alle mal in eine Intensivstation schauen!“ Ich wusste gar nicht, dass man dort hinein darf. „Die Arschlöcher, die auf die Straße gehen, sollten alle unterschreiben, dass sie auf die Intensivbehandlung verzichten!“, das ist der O-Ton eines Lehrers. Damit alle wissen, wie kultiviert es in einem Konferenzzimmer zugeht.

Eine Lehrerin ist bei jeder Testaktion dabei und wundert sich, dass ihre Tochter Angst davor hat, ihre Mama zu verlieren. Überhaupt diese leidige Testerei der Schüler! Ich versprach meinen Schülerinnen, dass sie nur mit der Watte in der Nase drehen müssen. Ich vergaß dabei auf eine sehr „gewissenhafte“ Kollegin, die die Schüler anhielt, ganz hinten in der Nase nach dem Virus zu suchen. „Das brennt ganz ordentlich“, meinten die Schülerinnen. Auf Nachfrage beim Direktor, wie wir denn rechtlich abgesichert sind, wenn die Watte im Kopf bleibt, schrie er nur: „Das müssen wir so machen, die Verantwortung liegt bei der Bildungsdirektion!“ Ich verabschiedete mich schnell ins Wochenende.

Auch die Impfung wird sehr diskret behandelt. Via Teams wurden wir aufgefordert, zu schreiben, für wen der Priorisierungscode angefordert werden soll. Ganz begeistert schrieben die Arbeitskollegen: „Bin schon registriert! Für mich bitte!“, oder: „Ich möchte mich auch impfen lassen!“ Smileys und GiFs wurden angehängt. Die Rettung naht! Mir fiel auf, dass sich zwei Arbeitskollegen nicht meldeten. Sie fanden das auch indiskret. Auf meine Nachfrage zur Vorgehensweise, meinte der Direktor nur: „Ich wusste nicht, dass auch über diesen Kanal geantwortet wird!“ Und startete eine Woche später, dieselbe Anfrage noch einmal.

Also habe ich für mich entschieden, das Konferenzzimmer nur noch in Ausnahmefällen zu betreten. Freistunden verbringe ich ab sofort in einer leeren Klasse. Sehr entspannt. Das Leben hat mich sowieso gelehrt positiv zu denken. Wenn man also der Situation etwas Positives abgewinnen möchte: Ich bin den Schülern näher als je zuvor. Ich lerne sie intensiver kennen und bin froh, dass die Jugendlichen so sind, wie sie sind. Reflektiert, empathisch, das Herz auf dem richtigen Fleck. Und sehr dankbar.

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