Die Welt der Vertrauenspraktiker – Eine Analyse
21. März 2021
von Walter Schönthaler

„Ich bin das Gegenteil eines Verschwörungstheoretikers“ schrieb mir ein Bekannter in seiner E-Mail. Okay, dachte ich mir. Aber WAS IST DAS GEGENTEIL eines Verschwörungstheoretikers? Und ich machte mich auf die Suche:
Jeder Begriff besitzt ein Gegen-Wort, welches sein Gegenteil ausdrückt. Ein Gegenwort [auch: „Oppositionswort, Antonym“] ist ein Wort, dessen Bedeutung das genaue Gegenteil zu einem anderen Wort darstellt. Zum Beispiel: „heiß“ ist das Gegenwort von „kalt“ – etwas kann entweder heiß oder kalt sein, beide Zustände zur gleichen Zeit sind nicht möglich. Auch zu dem Wort „Verschwörungstheorie“ muss es logischerweise ein Gegenwort geben.

Was ist das Gegenwort zu „Verschwörungstheorie?“
So weit, so gut. Was also ist das Gegen-Wort von „Verschwörungstheorie“? Der Begriff „Verschwörungs-Theorie“ ist ein aus zwei Begriffen zusammengesetztes Hauptwort: den Begriffen „Verschwörung“ und „Theorie“.

Praxis statt Theorie
Das Gegenwort von „Theorie“ ist leicht zu finden, es lautet „Praxis“.
Ein Antonym zum ersten Teil des Wortes, „Verschwörung“, ist schon schwerer zu finden. Viele Berichte und Analysen, die sich im Internet mit „Verschwörung“ beschäftigen, bezeichnen den Verlust von VERTRAUEN als Ursache:
Gebrochenes Vertrauen – warum Verschwörungstheorien heute so laut sind
Erosion des Vertrauens zwischen Medien und Publikum?
Vertrauen statt Verschwörung

Vertrauen statt Verschwörung
Nach diesen Titeln oder Zitaten zu schließen, wäre das Gegenwort zu „VERSCHWÖRUNG“ demnach „VERTRAUEN“. Menschen, die einem anderen vertrauen, werfen demjenigen, dem sie vertrauen, keine Verschwörung vor. Mit der Vermutung, dass jemand eine Verschwörung plant, schwindet auch das Vertrauen in den potentiellen „Verschwörer“. Solange also Vertrauen vorhanden ist, wachsen keine Theorien über Verschwörungen. Die beiden Begriffe VERTRAUEN vs. VERSCHWÖRUNG schließen einander aus und sind damit Gegenbegriffe.

Vertrauenspraxis statt Verschwörungstheorie
Setzt man die Begriffe „Vertrauen“ und „Praxis“ zusammen, wäre das Gegenwort von Verschwörungstheorie demnach „VERTRAUENSPRAXIS“.
Daraus folgt: Wer einem Menschen oder einer Organisation (Unternehmen, Behörde, Regierung) in seiner täglichen Haltung, also durch die PRAXIS SEINES VERTRAUENS, in seiner „Vertrauenspraxis“ vertraut, der hat keinen Grund, ein Verschwörungstheoretiker zu sein. Vertrauenspraxis ist allerdings nur so lange gegeben, als das Vertrauen der Vertrauenden nicht durch Handlungen jener, denen vertraut wird, erschüttert wird.
Wie wichtig „Vertrauen“ während der Corona-Krise in die Regierungsarbeit ist, kann man einschätzen, wenn man den Suchbegriff „Vertrauen UND Regierung“ in die Google-Suchmaschine eingibt: 18,6 Millionen Mal kommt dieser Begriff aktuell allein im deutschen Sprachgebrauch vor. Es gibt dazu zahlreiche Umfragen, beispielsweise den OGM/APA-Vertrauensindex oder Zeitungsartikel, wie jenen in der Neuen Zürcher Zeitung.
Die Häufigkeit und Intensität, mit der dieses Thema von Regierenden und Medien bearbeitet wird, lässt darauf schließen, dass „Vertrauen“ ein wichtiges Thema in der Demokratie darstellt.
Vertrauen beruht zu einem sehr großen Teil auf Wechselseitigkeit. Denn wir wissen aus unseren eigenen Beziehungen: man kann nur jemanden vertrauen, der einem vertraut.

Corona-Ampeln und Babyelefanten
In Österreich vertraut die Regierung der Bevölkerung, die sie gewählt hat, offenbar wenig bis gar nicht. Permanent kommen neue Verordnungen heraus, die schwer umzusetzen sind oder die hinterher vom Verfassungsgerichtshof als gesetzwidrig aufgehoben und gekippt wurden, wie z. B. die Verordnung über die Ausgangsbeschränkungen. Die sich ständig ändernden, teilweise sinnwidrigen und widersprüchlichen Verordnungen und die infantilen „Nudging“ [Anstubs]-Bilder von Corona-Ampeln und Babyelefanten in teuren Regierungsinseraten, die aus erwirtschafteten Steuermitteln VON der Zielgruppe FÜR die Zielgruppe finanziert werden, grenzen für die meisten Menschen, die selbstbestimmt denken und arbeiten, an Gängelung und Mentalfolter.

Grenzgänger zwischen Vertrauenspraxis und Verschwörungstheorie
Seit Corona ist mir aufgefallen, dass viele Menschen in meinem Bekanntenkreis keinem der beiden Extreme zuzurechnen sind. Die meisten sind als „Grenzgänger“ zwischen Vertrauenspraktiker und Verschwörungstheoretiker unterwegs.
Als Realwirtschaftler glaube ich nicht an Verschwörungstheorien, sondern an innovative Geschäftsmodelle und Businesspläne. Die gibt es in vielen Wirtschaftsbereichen, wie in der Pharmaindustrie, der digitalen Wirtschaft, der Finanzindustrie, dem Online-Handel und der gesamten virtuellen Wirtschaft. Überhaupt bin ich nach einem halben Jahrhundert Tätigkeit in der Realwirtschaft persönlich davon überzeugt, dass konkrete Business-Pläne viel mächtiger sind als naive Verschwörungstheorien. Denken wir nur an die destruktiven Orgien von Derivaten und Leerverkäufen während der Finanzkrise im Jahr 2007/2008, die beinahe das globale System der Finanzwirtschaft zusammenbrechen hätten lassen, wenn es nicht aus Budgetmitteln der Staaten – also von den Steuerzahlern – gerettet worden wäre.

US-Ex-Präsident Roosevelt – ein Verschwörungstheoretiker?
Von der Politik verstehe ich nicht viel. Hier halte ich es eher mit Präsident Franklin D. Roosevelt, der gesagt haben soll, dass nicht alles, was in der Politik passiert, auf Zufall beruht. President Roosevelts Originalzitat liest sich so: “In politics, nothing happens by accident. If it happens, you can bet it was planned that way.” [In der Politik geschieht nichts zufällig. Wenn es passiert, können Sie wetten, dass es so geplant wurde“]. Nach diesem Statement kann man sich folgende Frage stellen: Wäre der amerikanische Ex-Präsident Franklin D. Roosevelt – nach heutigem Framing und Lesart – ein radikaler, kruder Verschwörungstheoretiker? Oder kommt es heute weniger darauf an, WAS gesagt wird, sondern vielmehr WER etwas sagt?

Epilog
Unlängst habe ich meinen alten Bekannten wieder getroffen, ihm meine Recherchen über das Gegenwort zu „Verschwörungstheorie“ berichtet und erläutert, wie ich schließlich das Gegenwort „Vertrauenspraxis“ gefunden habe.
Seine Reaktion auf meinen Forschungsbericht über das gefundene Gegenwort zur Verschwörungstheorie fiel jedoch ganz anders aus, als ich erwartet hatte: Denn er antwortete, dass meine Recherche nach einem Gegenwort für „Verschwörungstheorie“ eine Meta-Verschwörungstheorie, also eine Verschwörungstheorie über Verschwörungstheorien sei. Daraufhin habe ich mich rasch verabschiedet. Ich habe ihn, wie es in der „neuen Normalität“ cool und chic ist, anstatt ihm wie üblich die Hand zu geben, lässig beim Abschied mit den Ellenbogen gekickt, sanft-cool mit dem Fuß getreten und mich mit dem imperativen Abschiedsbefehl der Vertrauenspraktiker verabschiedet: „Bleib gesund!“.
Ich glaube, damit habe ich ihm am Ende doch noch eine Freude gemacht, denn seine Augen blitzten auf – ich vermutete, dass er sogar lächelte. Na ja, ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich lächelte, denn ich konnte seine Reaktion nicht hundertprozentig erkennen, da er eine FFP2-Maske aufhatte.

Bild

BigPixel Photo / Shutterstock, #1802330623

Walter Schönthaler

Walter Schönthaler war mehr als drei Jahrzehnte hindurch Vorstand und Geschäftsführer von bekannten österreichischen Markenartikelherstellern im Lebensmittelbereich. Der 66-jährige Magister der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften arbeitet heute als Unternehmensberater, Buchautor und Hochschul-Lektor für Unternehmensstrategie und Marketing.

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