Plattform RESPEKT

für Freiheit, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit

für Freiheit,
Grundrechte
und Rechtsstaatlichkeit

Maske tragen oder nicht?

An der Straßenecke habe ich am Morgen oft gewartet, damit wir gemeinsam zur Schule gehen konnten. Wir kennen einander also schon ziemlich lange. Beide haben wir im Lehrberuf gearbeitet. Während meine Freundin Susanne dazu eine therapeutische Ausbildung gemacht hat, war meine zusätzliche Ausbildung eine künstlerische. Mit unseren Ehemännern haben wir uns im Urlaub am Meer getroffen, wir haben uns gegenseitig während der Scheidungen gestützt, kennen unsere Stärken und Schwächen.

Da wir uns aus coronesischen Gründen schon länger nicht getroffen hatten, schlug Susanne ein Treffen zu einem gemeinsamen Spaziergang an einem Samstag vor. Ich wohne am Stadtrand, war schon immer ein Kind der Peripherie, sie ist auf der Wieden daheim. Sie hat eine große, schöne Wohnung in einem Gründerstilhaus. Sie fährt nicht gerne, deshalb bat sie mich, sie abzuholen, was ich auch gerne tat.

Obwohl ich sonst immer, zum Unterschied von Susanne, versuche pünktlich zu sein, wurde ich im Stiegenhaus aufgehalten. Es ging um die Gesundheit eines Kindes in meiner Familie. Bei so viel Anteilnahme, konnte ich meinen Nachbarn schwer stehen lassen. Deshalb informierte ich Susanne telefonisch, dass ich ein paar Minuten, vielleicht eine Viertelstunde, später kommen werde. Das kam nicht gut an.

Als ich in der Nähe ihres Hauses einen Parkplatz fand, sah ich sie schon an der Ecke stehen. Ich stieg aus und winkte. Susanne kam näher, grüßte, verschanzte ihr Gesicht hinter einer Atemschutzmaske, nahm am Beifahrersitz Platz und sprach in gebieterischem Tonfall: „Aber du setzt dir schon eine Maske auf!“

Meine Hand ging automatisch zur am Rückspiegel hängenden Maske, blieb in der Luft hängen: „Nein!“, sagte ich, „Ich nehme keine Maske, weil sie mir schadet, ich nehme sie nur, um keinen Anstand beim Einkaufen zu haben. Du weißt doch, ich habe Asthma!“

„Typisch egoistisch und rücksichtslos bist du!“, meinte sie.

„Aber Susanne, du kannst doch in dein Auto steigen und fährst hinter mir und dann treffen wir uns und gehen gemeinsam spazieren.“, schlug ich vor.

„Nein! Das kann ich nicht!“, waren ihre Worte und sie verließ meinen Wagen.

Seither beschränkt sich unsere Kommunikation im gegenseitigen Senden von Bildchen von Kätzchen, Blümchen oder kurzen, belanglosen Filmchen.

Sonja Henisch

Newsletter