Offener Brief von Andreas Sönnichsen: Warum melde ich mich zu Wort? Ich bin doch kein „Experte“
03. Februar 2021
Dr. Andreas Sönnichsen
von Dr. Andreas Sönnichsen

Im Standard vom 29.1. fragt Susanne Rabady, selbst Allgemeinmedizinerin und Mitglied des COVID-Expertenrats der Bundesregierung: „Der Reiz, Experte zu sein – was verleitet Wissenschaftler dazu, die eigene Kompetenz zu missachten“ und bezieht sich auf einen Beitrag von Wilfred Druml, externer Lehrender der Medizinischen Universität Wien, der sagt: „Verschwörungstheoretiker haben immer Akademiker in ihren Reihen, wie die ‚Experten‘ des ‚außerparlamentarischen Corona Untersuchungsausschuss Austria‘ mit Andreas Sönnichsen, der seit seiner erstaunlichen Berufung an die Med-Uni Wien hauptsächlich durch paramedizinische Kommentare aufgefallen ist, oder wie mehrere vom Leibsender aller Verschwörungstheoretiker, Servus TV, importierte ‚Experten‘.“

Ja, es wimmelt nur noch so von Experten. Die beiden „Experten“ Druml und Rabady zeichnet offenbar vor allem die „Expertise“ aus zu entscheiden, wer Experte ist und wer nicht, und wer Wissenschaft korrekt interpretiert und wer nicht. Wodurch sind sie eigentlich legitimiert, zu beurteilen, wer sich äußern darf und wer nicht?

Ja, Herr Kollege Druml, es geht doch genau um das Rosinenpicken, das Sie anprangern: Ist Ihnen denn nicht bekannt, dass der Mundschutz des guten alten Chirurgen Mikulicz zur Verhinderung bakterieller Wundinfektionen diente und dass Viren und Bakterien unterschiedlich groß sind, dass also der Mundschutz in der Chirurgie mit dem Schutz vor respiratorischen Virusinfekten nichts zu tun hat? Haben Sie die Studien zur Effektivität, zu Nutzen und potenziellem Schaden von Masken bei respiratorischen Virusinfekten gelesen und verstanden?

Dann haben Sie sicher auch gelesen, dass Chu et al. (Lancet 2020;395:1973) – das ist die Studie, auf die sich die Maskenempfehlung in erster Linie stützt – selbst „robuste randomisiert kontrollierte Studien“ fordern, um die als „low certainty“ (niedrige Gewissheit) eingestufte Evidenz zur Effektivität von Masken bei viralen Atemwegserkrankungen zu untermauern. Warum fordern die Autoren das, wenn es denn so sicher ist, dass die Masken effektiv sind?

In die Metaanalyse von Chu et al. wurden ausschließlich Beobachtungsstudien (Kohortenstudien) eingeschlossen, für die aus wissenschaftlicher Sicht selbst bei hoher Studienqualität ein hohes Verzerrungspotential (Bias) besteht. In der Evidenzbasierten Medizin werden sie daher als zweitklassig betrachtet. Von den 29 eingeschlossenen Studien zur Maskeneffektivität untersuchten überhaupt nur vier die Effektivität bei COVID-19, und keine einzige der COVID-19-Studien fand im „Community Setting“ statt, also da draußen, wo jetzt überall Masken getragen werden müssen, im Supermarkt, auf der Straße, in der Schule etc. Überhaupt erfolgten nur drei der Studien – alle untersuchten SARS-CoV-1! – im Community Setting, alle anderen im Bereich von Gesundheitseinrichtungen (Kliniken, Pflegeheimen). 16 der 29 Studien untersuchten die Effektivität von N95 (=FFP2) Masken, nur 13 den Effekt chirurgischer Standardmasken. In sechs Studien kam es weder in der Masken- noch in der Kontrollgruppe ohne Maske überhaupt zu einer einzigen Infektion – diese Studien schieden von Vornherein aus der Metaanalyse aus, weil man ohne Infektion die Effektivität von Masken weder belegen noch widerlegen kann.

Die Metaanalyse mischte ganz offensichtlich Äpfel mit Birnen und Marillen: drei unterschiedliche Viren (SARS-1, MERS, SARS -2), zwei unterschiedliche Maskentypen (chirurgischer MNS, N95/FFP2), und zwei unterschiedliche Settings (healthcare, community). Die Studienheterogenität (das statistische Maß für „Äpfel und Birnen“ – das bedeutet fehlende Vergleichbarkeit der in eine Metaanalyse eingeschlossenen Studien) ist mit einem sogenannten „I²“ von fast 50% so hoch, dass verlässliche Aussagen nicht mehr abzuleiten sind. Zudem erzielten die eingeschlossenen Studien in der Qualitätsbewertung nach der Newcastle-Ottawa-Scale (eine von der Cochrane-Gesellschaft empfohlene Skala zur Qualitätsbewertung von Beobachtungsstudien) im Mittel gerade einmal 5,8 von 9 Punkten. Als weiterer Kritikpunkt ist anzubringen, dass sich für die Studien der chirurgischen Masken in der statistischen Analyse deutliche Zeichen eines signifikanten Publication Bias finden, d.h., dass möglicherweise negative Studienergebnisse nicht publiziert wurden. Hierüber wird aber nur im online-Appendix der Arbeit von Chu et al. berichtet, es fällt also auf den ersten Blick nicht auf.

Die Aussage, dass man aus dieser Metaanalyse eine hohe Effektivität des chirurgischen Mund-Nasenschutzes ableiten könne, steht also wissenschaftlich betrachtet auf tönernen Füßen, ganz zu schweigen von Halstüchern und sonstigen Behelfsmasken, die in keiner der Studien untersucht wurden. Und nun ist diese „einfache“ Maske ja auch bei unserer Bundesregierung in Ungnade gefallen, weil sie ganz offensichtlich und erwartungsgemäß versagt hat. Seit bald einem Jahr tragen wir brav die Masken. Mit wehender Maske sind wir in die zweite Welle hineingerauscht und trotz Maskerade kommen wir mit der Inzidenz nicht in den angestrebten Zielbereich. Dafür werden wir nun mit FFP2-Masken beglückt, deren Effizienz im Gesundheitsbereich sicherlich gegeben ist. Die Infektionszahlen in „freier Wildbahn“ werden aber auch die FFP2-Masken kaum beeinflussen. Es gibt jedenfalls keine Studienevidenz für diese Annahme. Hier sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es sehr wohl die von Chu et al. geforderten randomisiert kontrollierten Studien gibt. Sie wurden in einem gerade aktualisierten, aber bisher nur als Preprint verfügbaren Cochrane Review zusammengefasst und zeigten weder für chirurgische noch für FFP2-Masken einen signifikanten Schutz vor grippeähnlichen Atemwegsinfekten in der Community. Derartige Studien fehlen allerdings abgesehen von der kritisch zu beurteilenden dänischen Studie für SARS-CoV-2.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin nicht gegen Masken und wir müssen in dieser Pandemie mit der bescheidenen Evidenz leben und Entscheidungen treffen, die wir haben: zum Schutz der durch COVID-19 gefährdeten Personen sollten daher im Bereich hohen Risikos, also in Gesundheitseinrichtungen, in der ambulanten Pflege und in Ordinationen FFP2-Masken getragen werden, aber bitte dann nach entsprechender Einschulung und Anpassung und nach den Bestimmungen des Arbeitsschutzes (ohne Ventil max. 75 Minuten, dann mindestens 30 Minuten Pause etc. [§ 3 Abs. 2 und § 7 Z 5 ASchG]). Hinsichtlich der von COVID-19 vor allem betroffenen Pflegeeinrichtungen fragt man sich, warum dies nicht bereits im Sommer umgesetzt wurde.

Im Community Setting aber muss es jedem Bürger eigenverantwortlich freigestellt sein, sich durch eine FFP2-Maske zu schützen oder nicht und in den Schulen und Kitas haben weder FFP2-Masken noch sonstige Masken etwas verloren, weil nicht auszuschließen ist, dass hier tatsächlich Schaden angerichtet wird, und sei es nur ein psychischer.

Menschen mit hohem Risiko für einen ungünstigen Verlauf von COVID-19 kann eine FFP2-Maske empfohlen werden. Aber warum berichten wir den Bürger*innen von Österreich nicht ehrlich über die tatsächlich vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und lassen in Anbetracht der großen Unsicherheit jeden eigenverantwortlich entscheiden?

In der gleichen Lancet-Arbeit werden übrigens auch die Effekte von Schutzbrillen untersucht. Nach einer methodisch der Masken-Analyse vergleichbaren Metaanalyse aus 13 Beobachtungsstudien ergibt sich eine Risikoreduktion für respiratorische Infekte durch Coronaviren von 75% (95% Konfidenzintervall 57-86%). Der Effekt ist fast genauso gut wie der Maskeneffekt, obgleich natürlich auch wieder mit „geringer Gewissheit“, aber man fragt sich natürlich, warum uns noch keine Schutzbrillen verordnet wurden. Das kommt dann wahrscheinlich, wenn auch die jetzige FFP2-Maskenverordnung im Community-Setting nichts bringt. Und vor der Verordnung des Ganzkörperschutzanzugs oder der Plexiglashülle kommt dann hoffentlich das Frühjahr und die Infektionszahlen sinken von selbst.

Nun, ich bin ja kein Virologe, und auch kein Public Health Experte, und auch kein Allround-Experte wie die Kollegin Rabady oder der Kollege Druml. Deshalb sitze ich ja auch nicht im Expertenrat der Bundesregierung.

Aber seit 20 Jahren mache ich eigentlich tagtäglich nichts Anderes als Forschung und medizinisch-wissenschaftliche Studien entweder selbst zu konzipieren oder kritisch zu hinterfragen. Das war auch immer angesehen und hat mir unter anderem die vielleicht gar nicht sooo erstaunliche Berufung an die MedUni Wien und den Vorsitz des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin eingebracht. An der MedUni darf ich sogar die Vorlesung „Klinische Studien“ halten. Wie lange noch, nachdem die MedUni sich nun ständig von mir distanzieren muss und mir auf der Webseite der Abteilung für Allgemeinmedizin, auf Twitter und Facebook bescheinigt, dass ich weder von Biologie noch von der Diagnostik und Therapie von Viruserkrankungen eine Ahnung habe. Und wie gut passt denn eine derartig unsachliche Diskreditierung mit der einen Satz später proklamierten Freiheit von Wissenschaft und Lehre zusammen?

Armes Österreich – solch miserable Professoren wie der Sönnichsen bilden deine zukünftigen Ärzte aus! Dabei könnte man sich doch unter Wissenschaftlern austauschen und im durchaus kontroversen Diskurs dieses Land voranbringen und auch diese Pandemie vielleicht besser bewältigen. Statt dessen fährt unsere Regierung mit all ihren Experten unser Land konsequent an die Wand und jeder, der Kritik übt, wird an den Pranger gestellt und mit Extremisten, Verschwörungstheoretikern und Paramedizinern in eine Schublade gesteckt. So sieht das die österreichische freiheitlich demokratische Grundordnung meines Wissens nicht vor.

Aber im Moment weht halt ein anderer Wind. Expertise hat nur noch, wer das sagt, was gehört werden will.

Vorsorglich halte ich fest, dass meine hier dargelegten Äußerungen wissenschaftlich begründet sind, aber nicht notwendigerweise die Meinung der Medizinischen Universität wiedergeben. Zudem distanziere ich mich schon jetzt ausdrücklich von jedem Missbrauch meiner wissenschaftlichen Überlegungen durch extremistische oder paramedizinische Gruppierungen, Verschwörungstheoretiker und sonstige Personen, die sich berufen fühlen, meine Aussagen für Ihre Zwecke zu interpretieren.

Dr. Andreas Sönnichsen

Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen ist Wissenschaftler und Allgemeinmediziner. Seit 2018 ist er Professor für Allgemeinmedizin mit Leitung der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin, Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien. Er war Vorstand des Instituts für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg, des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Witten/Herdecke und bis zu seinem Rücktritt am 11. Jänner 2021 Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM). Sönnichsen ist Herausgeber und Autor zahlreicher Lehrbücher für Medizin, so z. B. der EbM-Guidelines – Evidenzbasierte Medizin für Praxis und Klinik, die in der 7. Auflage beim Verlagshaus der Ärzte erschienen sind.

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