Ein Jahr Isolation und kein Ende in Sicht
02. Januar 2021

Anfang Jänner ist nun nach fast vierzig Jahren gewiss, meine Schilddrüse gehört herausoperiert, ist total verknotet mit allen möglichen gut- und weniger gutartigen Knoten. Der Termin soll Anfang März sein, davor stehen mir unzähligen Arztbesuche und Befund-Erstellungen bevor.

Anfang März habe ich endlich alles beisammen. Dann kommt ein E-Mail, dass meine Operation leider wegen Corona auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss. Man trägt mir auf, mich unbedingt zu isolieren, damit ich kurzfristig zur Operation beordert werden kann. Es ist ja eh Lockdown.

Ich bin nun mit all meinen Befunden eingesperrt in der Wiener Wohnung und warte. Lesen, Fernsehen, kochen, putzen. Mir ist nicht fad. Es fehlt mir aber meine Familie, mein Garten. Mein Sohn und meine Schwiegertochter bringen mir einmal in der Woche den notwendigen Einkauf. Der wird VOR der Türe abgegeben – vorschriftsgemäß.

Ende April bin ich schon so unrund, dass es mir psychisch gar nicht gut geht. Aber ich muss ja täglich auf einen Anruf oder ein Mail warten. Mein Sohn sagt, jetzt fährst nach Niederösterreich ins Haus, so kann es nicht weitergehen. Ich folge seinem Rat, bin schon ziemlich erschöpft von der Isolation. Ich habe Multiple Sklerose, sollte mich viel bewegen, damit es nicht schlimmer wird, aber vieles geht nicht mehr: sporteln, herumreisen. Oft überkommt mich eine schmerzhafte, fast unerträgliche Müdigkeit, die mich sofort zum Niederlegen zwingt. Bisher bin ich immer wieder aufgestanden.

Der Sommer vergeht nun weiterhin in Isolation im Garten, die aber zu ertragen ist. Ohne Maske, mit Sonne und Hoffnung, mit Tratschen über den Gartenzaun…Dann steht der Operationstermin fest: 13. Juli.

Am 12. Juli sitze ich früh um halb 8 in einem Wiener Krankenhaus, gemeinsam mit elf weiteren Patienten in einem sechs Quadratmeter großen Kammerl. Auf engstem Raum warten wir auf die Zimmerverteilung. Erst um die Mittagszeit herum haben alle ein Bett und einen Test (der im Übrigen schmerzhaft und unsensibel war). Mein Blutdruck ist schon auf 154/70. Eh klar, innerlich koche ich bereits über die Zustände. Auf meinem Bettzeug sind Blutflecken, schon seit sieben Uhr früh trage ich meine eigene Maske, die bereits nass ist. Das Krankenhaus stellt keine Masken zur Verfügung.

Nach der Operation also Zuhause wieder Isolation. Es ist Sommer. Ich kugele herum, gehe hie und da in den Garten (zum Glück habe ich einen, möchte nicht wissen, wie es denen geht, die in der Wohnung bleiben müssen). Ich kann aber nichts machen, wegen der großen Narbe am und im Hals.

Also Isolation.

Es kommt der Herbst und es kommt der zweite Lockdown. Jetzt schön langsam spüre ich, wie sich die Einsamkeit in mich hineinschleicht. In den Kopf, in den ganzen Körper. Ich siedle wieder nach Wien, weil mich ständige Arztbesuche zur Kontrolle, auch wegen der Augen und der MS, dazu zwingen. Täglich bin ich allein. Das verstärkt alles, jedes Empfinden vervielfacht sich.

Und nun der dritte Lockdown.

Für mich der Härteste. Kein Garten, kein Hinausgehen, nur Einkaufen einmal in der Woche, Fernsehen, Lesen, Kochen, bissl Facebooken. Keinerlei menschlichen Kontakt. Nur Telefonieren. Seit einem Jahr! Was macht das mit einem Menschen wie mir? Der umtriebig war. 27 Jahre Gastronomin, sehr kommunikativ, geprüfte psychologische Astrologin, Gründerin und Präsidentin einer Selbsthilfeorganisation.

Ich halte mich an die Vorgaben, obwohl ich viele nicht für richtig halte. Ich bin der Meinung, jeder sollte halt Eigenverantwortung übernehmen. Scheinbar kann man das weltweit von den menschlichen Bewohnern dieses Planeten nicht verlangen.

Also macht man sich Gedanken. Was steckt dahinter? Woher kommt das Virus? Warum so strenge Maßnahmen? Warum so starke Unterschiede der Expertenmeinungen? Was macht das mit den Menschen, wenn es noch eine Weile so weitergeht? Wie halten wir die Meinungsspaltung in Zukunft aus?

Die „Alten“ sterben an der Einsamkeit oder werden debil. Wenn man mit niemanden redet, niemanden trifft, keine Teilhabe an der Gesellschaft hat, verlernt man das normale Leben, verlernt man reden, handeln und denken. Die Jungen sind frustriert, lehnen sich zum Teil auf. Die Kinder fürchten sich, vermissen ihre Freunde, viele Gewerbetreibende werden Konkurs machen. Familien entfremden von einander.

Nach der Pandemie wird die Welt eine andere sein. Aber wie wird sie sein? Unmenschlicher, als sie schon ist? Es wird uns alle treffen, wenn die Isolation nicht bald vorbei ist.

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