Der schwedische Sonderweg
02. Januar 2021
Der schwedische Sonderweg
von Erik Haidenthaller, MA BA BA

Ein Essay von Erik Haidenthaller

Schweden ist in vielerlei Belangen ein in sich geschlossener Sonderfall. Die in jeglicher Hinsicht prekären Umstände seiner wirtschaftlichen, sozialen und politischen Genese lassen Staat und Bürger für den Rest der westlichen Welt oftmals sonderbar bis eigenartig dastehen. Die innere gesellschaftliche Logik ist für selbst für Schweden nicht immer erkennbar, da sie einem eigenen Denkmuster folgt, das in seiner Legitimität als selbstverständlich gesehen wird. In diesem Kontext muss die schwedische Handhabung der Coronakrise erkannt und analysiert werden.

Schweden konnte und wollte inklusive der sich nun anbahnenden Hybridisierung unterschiedlicher Restriktionssysteme keinen anderen Weg in dieser multifaktoriellen Pandemie gehen als den für sich gewählten. Die Konsequenzen dessen, was in Schweden geschah oder vielmehr, dass was nicht geschah, wurde von den Covid-19-Diskursträgern anderer Länder in der Emotionalität der Policy Debatte als Totschlagargument verwendet. Ein Umstand, der in der Schützengrabenmentalität der Opponenten durchaus logisch erscheint, da es von beiden Seiten als finales Urteilsbeispiel dienen konnte und dient. Dass Hiram Johnsons berühmtes Zitat „das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ somit in diesen Wirren allegorisch genauso geltend wird, bestätigt nur den Charakter der Wahrnehmung Schwedens in der Coronakrise.

Aufgrund meiner sowohl österreichischen als auch schwedischen Herkunft muss ich mich im folgenden Text selbst der Problematik der Voreingenommenheit stellen. Daher habe ich mich dazu entschlossen, aus dieser Konstellation die Methode zum Essay wachsen zu lassen. Die Subjektivität meiner Wahrnehmung soll somit narrativ verstanden werden und durch anderswertige Absichtslosigkeit der Debatte neues Licht schenken. Ich hoffe ferner, dass meine universitäre Schulung über die Entwicklung Schwedens der Neuzeit dem Text einen zusätzlichen epistemologischen Dienst erweisen kann.

Ein Bild zur gesellschaftlichen Eigenwahrnehmungen der Covid-19-Pandemie in Schweden

Nachdem ich zu Ostern dieses Jahr wieder zu meinem Bauernhof nach Schweden nahe Göteborg gereist war, hatte ich einige Erwartungen an die Situation im Land, die sich bereits nach kürzester Zeit als falsch erwiesen. In Österreich hatte ich den Beginn der Coronakrise und den darauffolgenden Lockdown bitter erlebt und damit auch die hiesige Sicht auf Covid-19 als Ganzes, war meine Einstellung zu dem schwedischen Umgang mit der Krankheit mit einem gewissen Hauch von Vorurteilen belastet. In Österreich hatte Corona bereits den Nimbus einer allumfassenden Nemesis. In Schweden war davon hingegen wenig zu sehen. Ja, zu sehen. Denn die Menschen in Schweden trugen keine Masken. Als neu Eingereister und mit Mund-Nasen-Schutz wurde man einmal darauf hingewiesen, man sei hier in Schweden und nicht in China. Die sichtbare persönliche Freiheit und die Nicht-Erkennbarmachung der Krankheit war gesellschaftliche und politische Priorität (was auch dazu führte, dass in gewissen Bereichen der Verwaltung das Tragen eines MNS untersagt wurde). Das erzeugte das permanente Gefühl der Bewegungsfreiheit in einer trotz allem „gesunden“ Gesellschaft. Dieses Konzept war bereits tief emotional verankert und wurde auch in seiner Eigenschaft als Kontrapunkt zum Rest Europas wahrgenommen. So bekam ich – frisch in Schweden angekommen – Kurznachrichten von FreundInnen mit dem Text „Willkommen in der Freiheit“. Eine davon kam von einer altbekannten Krankenschwester aus der Region um Stockholm – in einer Zeit, wo laut ausländischen Medien katastrophale Untergangsszenarien herrschten. In Schweden wurde hingegen schon bald genau darüber gewitzelt und so hörte man öfters die Aussage „Die denken, hier liegen die Toten auf der Straße und alles versinkt im Chaos“. Das Witzeln ist dabei gesellschaftstypisch. Skandinavier haben im Allgemeinen einen Hang zum Galgenhumor und eine distanzierte Haltung zu Tod und Krankheiten. Leider war dies aber auch eine der fatalen Ursachen, die zu den hohen Sterberaten in den Altenheimen führten. Später stellte sich fest, dass diese Toten in den Altersheimen den Großteil aller bisherigen Todesfälle an Corona ausmachen würden.

Das Schicksal der Alten wurde in Schweden zum gesellschaftsübergreifenden Skandal, der tiefe Spuren hinterlassen sollte. Die baldig einberufene Kommission zur Aufklärung der Umstände der Seuchenausbreitung und zu den hohen Todesraten in den Altenheimen ließ kein gutes Haar an der Systematik der Altenpflege. Ärzte, welche das Virus initial schlichtweg als Mit-Auslöser für ein natürliches Lebensende sahen (nach dem Motto „an irgendeiner Erkrankung stirbt man…“) und Pflegekräfte, die in einem kommerzialisierten Betreuungssystem die Arbeit nicht ernst nahmen, sowie Altenheime, die es nicht schafften, die Vorschriften der Gesundheitsbehörde einzuhalten. Dass viele Pflegekräfte in Schweden Migrationshintergrund haben, schaffte eine weitere Facette der Tragik, denn sprachliche Barrieren verhinderten die völlige Kenntnisnahme der Pandemieregeln und andere soziale Umgangsformen führten dazu, dass besonders in migrationsdichten Stadtteilen viele an Covid-19 erkrankten.

Unterm Strich veränderte die erste Welle das Bewusstsein, wie mit alten Menschen umgegangen wird und erzeugte teils Scham, teils Wut und ist wohl auch den Beginn eines Paradigmenwechsels. Dennoch und trotz der Vulnerabilität der Alten wurde auch die Wichtigkeit der seelischen Gesundheit hervorgehoben. So gingen noch im Frühling die Älteren in meiner Nachbarschaft auf physischen Abstand. Doch diese partielle Isolierung war so zermürbend, dass umso länger das Jahr andauerte man dem Motto nachging „lieber leben und sterben als gesund dahinsiechen“. Besuchsverbote in Betreuungseinrichtungen wurden gelockert und aufgehoben und auch sonst trafen sich die Alten wieder mit den „Jungen“ auf ein Bier oder bei einem Spaziergang.

Aber abgesehen von der Tragödie der Übersterblichkeit in den Heimen war unterm Strich bis zum Herbst nur mäßig viel zu merken von der großen Pandemie. Wohl war der Kulturbetrieb eingestellt, was zum Ministerrücktritt führte und zu einer emotionsgeladen Gesellschaftsdebatte, womit es auch hier zu einem Paradigmenwechsel in der Bedeutung von Kunst und Kultur kam. Und auch die Gastronomie und Klubszene litt an der Besuchergrenze von 50 Personen und an den Abstandsregeln. Sonst aber klagten die Schweden kaum. Ein wenig mehr Homeoffice, ein paar mehr Krankenstände, die Uni gewöhnte sich ans „Distance-Schooling“. Alles miteingerechnet konnten die Schweden gut Lachen diesen Sommer und Frühherbst. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass Corona von den meisten wirklich nur als eine lästige Form der Grippe gesehen wurde, die man mit Achselzucken hinnahm, wenn man sie dann bekam. Tatsächlich haben zum Beispiel nach der offiziellen Statistik 25% der Schweden im Südwesten des Landes Corona-Antikörper. Wie viele insgesamt an Covid-19 erkrankt sind lässt sich nur erahnen. Corona war für die meisten ein Teil des Lebens und nicht mehr.

Vieles änderte sich jedoch mit der zweiten Welle – auch die Rolle des Staates. Die Rhetorik der Angst begann um sich zu greifen. Die Volksgesundheitsbehörde FHM begann deutlich nervös zu werden und auch der Regierung merkte man an, dass sie nicht mehr der bisherigen Linie treu war. Die berühmten Empfehlungen, mit denen man Schweden bisher durch die Krise gesteuert hatte, wurden markant verschärft und die Regierung verkündete im November zum ersten Mal bindende Verordnungen: Die Kürzung der Sperrstunde auf zuerst 22:30 und später auf 20:00 Uhr und die Begrenzung von Personengruppen im öffentlichen Leben auf 8 Personen. Am 28. Dezember war es dann so, dass ein temporäres Pandemiegesetz präsentiert wurde. In ihren Inhalten zwar noch weit von den Maßnahmen wie in Österreich entfernt, aber dennoch ein Gesetz. Hinzu gekommen sind auch die Maskenempfehlung in den öffentlichen Verkehrsmitteln und die Empfehlung nicht „unnötig“ in Geschäfte zu gehen oder zu reisen. Sozialer oder besser gesagt physischer Abstand wurde im Gegensatz zu vorher nun allerorts wichtiger. Trotz alledem sind bis heute die meisten Maßnahmen noch immer nur Empfehlungen. Juristisch bindend sollen sie erst ab Jänner 2021 werden können. Und hier ist es geplant, dass jede Behörde, politische Einheit oder Gesellschaftssparte je nach Bedarf und Umstände autonom verpflichtende Maßnahmen ergreifen kann und soll. Diese heimliche Kehrtwende ist vielen Schweden zurzeit ein wenig suspekt oder beängstigend, vor allem, weil sie in der Begründung amorph erscheint. Man kann nichts fassen nur fühlen. Viele verstehen nicht, warum im Herbst alles anders sein soll als zuvor. Die FHM beteuert, dass das Virus viel unberechenbarer sei als gedacht. Die Zahl der Toten ist aber während der zweiten Welle um nur knapp 1000 gestiegen. Prozentuell viel weniger als in anderen Ländern und ganz im Gegensatz zu Deutschland und Österreich. Das hinterlässt Fragen bei den Schweden. Aber wie sie nun mal sind, wird bei Kaffee und Zimtschnecken sondiert und abgewartet. Alles halb so wild: Zweckoptimismus im Land des Sonderwegs.

Erik Haidenthaller MA BA BA
u.a. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Uppsala
Dissertant am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien
Ehemalig politische Beratung für die Region Dalsland
Berufstätig innerhalb der Trendforschung
Bio-Landwirt in Torrskog, Schweden

Offizielle Statistiken zu Covid-19 in Schweden:

https://www.folkhalsomyndigheten.se/smittskydd-beredskap/utbrott/aktuella-utbrott/covid-19/statistik-och-analyser/bekraftade-fall-i-sverige/

Update zu den Covid-19 Todeszahlen in Schweden

Da die im Artikel angegebene Opferzahlen von Anfang Dezember stammen, sollten fairer halber die aktuellen Fallzahlen genannt werden. Am 20. Jänner sind in Schweden bei einer Bevölkerung von 10,38 Millionen, 10 800 Menschen an Covid-19 verstorben. Obwohl seit Beginn der zweiten Welle die Zahlen von ca. 6300 auf 10 800 gestiegen sind, haben sich die Opferzahlen in Schweden jedoch noch nicht verdoppelt, während sie sich in Österreich von unter 1000 im Oktober bis zum 20. Jänner auf 7237 versiebenfacht haben. Gleichzeitig würde auch Schwedens Anzahl von Todesfällen auf Österreich umgerechnet 9300 ergeben.

Erik Haidenthaller, MA BA BA

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