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Besuch nur für Sterbende?

Anfang Dezember ist mein Opa gestorben, im 94. Lebensjahr. Es war gut für ihn, endlich sterben zu können, er hat es sich schon lang gewünscht. Seit dem Tod meiner Oma im Frühjahr 2018 hatte mein Opa seine Lebensfreude verloren.

Woran meine Oma 2018, damals im 91. Lebensjahr, genau gestorben ist, wissen wir bis heute nicht wirklich. Bei alten Menschen wird da nicht so genau nachgeschaut, meinte damals der Hausarzt. Was wir alle bis heute vermuten: Sie ist an Grippe gestorben. Ihr Herz hat den Influenza-Virus einfach nicht mehr verkraftet. Mein Opa war damals im Krankenhaus. Neben ihm lag ein Grippekranker mit hohem Fieber. Meine Oma ließ sich jedoch die täglichen Besuche bei meinem Opa nicht nehmen. Wahrscheinlich hat sie sich so den Virus eingefangen, einen richtig aggressiven Virus. Auch meine Mutter und meine Tante wurden krank und nach dem Begräbnis meiner Oma überhaupt die halbe Verwandtschaft.  

Vielleicht hätten wir damals anders reagiert, wenn wir schon genauso sensibilisiert gewesen wären wie heute auf Viren und ihre Gefahr für ältere Menschen. Hätten Oma nicht zu Opa ins Spital gelassen, wo ein Grippekranker lag. Vielleicht hätte das Spital anders reagiert und den Grippekranken isoliert. Für meine Oma wäre es gut gewesen. Andererseits – sie hatte ihr Leben gelebt, war leicht dement und irgendwie auch bereit zu gehen.  Oft habe ich mir in diesem Jahr gedacht: Gut, dass meine Oma das nicht mehr erleben musste. Sie hätte es nicht ertragen, auf soziale Kontakte, besonders auf Besuche bei ihren Kindern und Enkeln, verzichten zu müssen. Wahrscheinlich hätte sie es auch nicht getan. So wie sie sich auch damals nicht nehmen lassen wollte, meinen Opa zu besuchen.  

Mein Opa hätte ihr dieses Jahr sehr leidgetan. Im Februar musste er sein letztes Stück Selbstständigkeit und seine eigene Wohnung aufgeben. Selbst mit 24-Stunden-Hilfe wäre es ihm körperlich nicht länger möglich gewesen, in seiner Wohnung im zweiten Stock ohne Lift zu leben. Er wäre ein Gefangener im eigenen Haus geworden. Nie hätten wir uns ausdenken können, dass ihn im Pflegeheim dasselbe Schicksal ereilen würde. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten lebte er sich einigermaßen gut in seinem neuen Zuhause ein. Er schätzte die täglichen Besuche seiner Kinder und Freunde sowie die Stunden im hauseigenen Restaurant, wo er gern ein Achterl Wein genoss und mit der Kellnerin scherzte.  

Dann kamen Corona und die Maßnahmen. Zuerst die strengen Besuchsregeln, dann ein komplettes Besuchsverbot. Meine Mutter versuchte dennoch, so gut es ging, mit meinem Opa Kontakt zu halten. Täglich stellte sie sich auf den Gehsteig vor dem Pflegeheim, von wo aus man einen guten Blick auf das Zimmer meines Opas hatte. Mein Opa schob dann die Gardine zur Seite, um besser nach draußen sehen zu können. So hatten sie zumindest Blickkontakt. Sprechen konnten sie gleichzeitig übers Handy.  

Im Frühjahr hielten beinahe alle in meiner Familie und Umgebung die Maßnahmen für sinnvoll. Viele hatten Angst. Nicht nur um alte Menschen, auch um sich selbst. Stundenlange Telefonate, in denen wir uns darüber austauschten, wie wir alle mit dieser komplett neuartigen Situation umgehen sollten. Mittlerweile hat sich unser Standpunkt geändert. Wir haben viel recherchiert, diskutiert, gelesen – und erlebt.  Über den Sommer schien sich das Leben immerhin zu normalisieren. Die Masken wichen lächelnden Gesichtern und unbeschwertem Beisammensein unter freiem Himmel. Mit Opa genossen wir endlich wieder gemeinsame Stunden. Dann kam der Herbst, der Winter, der nächste Lockdown. Wieder keine Besuche für Opa. Wenn, dann nur unter Aufsicht einer Betreuerin, im Aufenthaltsraum und nach vorherigem Corona-Test für die Besucher. Das wollte mein Opa seinen Besuchern nicht antun. Weder er noch seine Liebsten sollten so „vorgeführt“ werden, wie er es nannte. „So ein Aufwand.“ Für maximal 15 Minuten Besuchszeit unter Aufsicht.  

So verbrachte er die letzten drei Wochen seines Lebens in absolutem Getrenntsein von seinen Liebsten und größtenteils in Einsamkeit. Sein ohnehin schon schwacher Lebenswille und seine körperlichen Leiden, allen voran der Krebs, verschlechterten sich rapide. Er hatte keine Kraft mehr, für nichts. Auch telefonieren wollte er nicht mehr. Schließlich galt er als Palliativpatient. Mit seinem Lebensende in greifbarer Nähe durfte er wieder Besuch empfangen. In seinem Zimmer, ohne Aufsicht und länger als 15 Minuten. Doch Sprechen konnte er bereits nicht mehr. Ob er etwas vom Besuch meiner Mutter und Tante mitbekam, wissen wir nicht. Kurz nachdem seine Töchter gegangen waren, konnte er endlich einschlafen und sterben. Tage zuvor war noch ein Corona-Test gemacht worden: negativ. Ansonsten wäre er wohl in die Statistik eingegangen, als Corona-Toter.

Bald findet das Begräbnis statt. Wir würden gern singen und musizieren, auch ein, zwei Bläser sollten spielen. Nichts. Nichts darf sein. Wir dürfen nicht mal in die Kirche oder die kleine Friedhofskapelle. Alles muss im Freien stattfinden. Dennoch dürfen wir nichts. Aber Masken tragen, das müssen wir. Im engsten Familienkreis. Im Freien.

9.12.2020

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