Zufall – blöd gelaufen oder doch selbst gewollt?
30. November 2020

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen, eine Geschichte im Jahre 2020. Ich bin gerade sehr berührt – von allem, was heuer so passiert. Von den Lockdowns, von den Demonstranten, von denen, die Demonstranten niederschlagen, von Terroranschlägen, von den vielen Gesichtern, denen die Angst auch trotz Mundschutz anzusehen ist, von den Verzweifelten, von den Arbeitslosen und von so vielem mehr. 

Daher sitze ich jetzt hier und teile meine Gedanken mit euch. 

Heuer, Jänner 2020, alles noch fast normal. Zuhause, mein Vater, 92 Jahre, gerade Geburtstag, aber im Krankenhaus liegend. Er hatte er beschlossen, seine Feier mit uns 11 Kindern zu verschieben. Da wusste noch keiner, was kommen würde. 
Da sein Allgemeinzustand mit zunehmendem Alter doch schlechter geworden war, hatten wir uns entschieden, dass er ins Pflegeheim kommen sollte. Wir wollten alles so stresslos wie möglich machen. Er war schon angemeldet, wusste davon und war einverstanden auf eine gewisse Art. Natürlich wäre er lieber zuhause geblieben, aber er akzeptierte diese Entscheidung. Wir richteten sein Zimmer im Heim ein, liebevoll, mit den wichtigsten Dingen aus seiner Wohnung. Er bastelte für sein Leben gern, und so fand auch sein selbstgemachter Eiffelturm in bewundernswerter Detailarbeit seinen Platz. 
Mein Bruder und ich begleiteten ihn Anfang März in sein neues Heim. Ein sonniger, warmer Frühlingstag. Ein guter Tag. Auf seinem Tisch im Zimmer wartete bereits eine Lego-Technic-Packung, damit er sich auch weiterhin beschäftigen konnte. Seine Augen strahlten wie bei einem kleinen Kind zu Weihnachten: ihr hättet sein Gesicht sehen sollen – er riss die Packung auf und stürzte sich sogleich darauf. Trotz des bitteren Beigeschmacks eines kleinen Abschiedes war dies eine Freude. 
Dann, in den nächsten Tagen, machten sich doch wieder Unwohlsein, leichte Fieberschübe usw. bemerkbar. Nun, nichts Neues, er hatte bereits einige Vorerkrankungen. Doch dann begann die Zeit mit Corona. Lockdown, Besuchsverbot, OP-Absagen usw. Also kein Arztbesuch, weil so akut war es doch nicht. Seine urologische Untersuchung bis auf weiteres verschoben. 

Kein Besuch möglich, nur Telefonate. Besser als nichts, aber doch nur ein kleiner Trost, im Wissen, dieser Mensch muss jetzt allein ohne seine Familie diese Zeit, diesen Neubeginn und doch, wissend, seine letzte Station starten. 
Meine Kinder waren traurig, weil sie ihn schon lange nicht mehr sehen konnten und wohl auch wussten, dass eine Begegnung vielleicht auch nicht mehr passieren würde. 
Ich schickte ihm per Post ein neues Bastelpaket zu, um ihm zu zeigen, dass ich an ihn dachte.
Dann kam dieser eine Tag. 

Der 18. April 2020. Er wünschte sich an diesem Tag ein Fanta. Er liebte Fanta, doch er trank es nur selten, weil er aufgrund seiner Erkrankungen sehr darauf bedacht war, auf sich achtzugeben. Es war eine Herausforderung, ihm ein Fanta zukommen zu lassen. Letztendlich kam es doch nie zu ihm. Er saß nachmittags in seinem Zimmer und bastelte. Es ging ihm nicht schlecht, aber auch nicht ganz gut. 

3:00 Uhr in der Nacht: Bevor mein Handy läutete, riss mich etwas aus dem Schlaf. Ich saß aufrecht im Bett und fühlte, dass jemand da war. Das kannte ich schon von früher. Als Kind dachte ich immer gleich an böse Geister und versteckte mich unter der Decke. Doch in dieser Nacht, zwei Minuten später, klingelte mein Handy. Meine Schwester teilte mir mit, dass Papa ins Krankenhaus gebracht wurde. Es gehe ihm nicht gut. Sie bat mich, im Krankenhaus anzurufen, da ich vom Fach bin und besser herausfiltern könnte, was los sei. Keine schönen Nachrichten – er ist nicht ansprechbar. Jetzt ist dieser Moment gekommen, der uns wohl immer bewusst gewesen ist, der jedoch in dieser Minute einfach nur traurig ist, weil es bedeutet, Abschied zu nehmen. Da ja nie wirklich gesagt werden kann, wie lang es dauert, bis ein Mensch stirbt, beschloss ich am Morgen nochmals anzurufen und zu ihm zu fahren. 

7:00 Uhr Morgen – ich rufe auf der Station an. Status gleichbleibend, nicht ansprechbar. Im Sterben.
Was passierte dann? Auf die Anfrage, ob ich hineinkommen dürfe, da ja aufgrund des Lockdowns und der Verordnungen kein Besuch einfach so möglich war, bekam ich ein Nein. Man müsse das erst mit dem Arzt besprechen. Ich gab – wohl zu schnell – nach, und wartete zuhause. 

Dann – 9:00 Uhr – der Arzt rief an. Er wusste auch nicht so recht, was er sagen sollte, denn auch für die Ärzte ist diese Mitteilung – dieser eine Satz – nicht leicht. Er war von uns gegangen. Leise, still und allein. Am 19. April 2020. 
Die Ironie – nun durften wir, mein Bruder und ich, doch noch einmal zu unserem Vater, um uns zu verabschieden. Wir standen an seinem Bett und wussten nicht so recht, wie wir damit umgehen sollten. Wenigstens konnten wir uns von ihm verabschieden. Meine anderen Geschwister und meine Kinder, haben das nicht getan. Ich weiß nicht, wie es ihnen damit geht. Von meinen Kindern weiß ich, dass sie sie nicht wirklich abschließen konntejn, nicht begreifen können …

Ein paar Tage später, das Begräbnis. Gott sei Dank durften wir – wir Geschwister mit Partner und eigenen Kindern – alle daran teilnehmen, da die Lockdown-Regeln gerade geändert wurden. Es war wieder ein sonniger Tag. Welch ein Glück, der Friedhof ist groß genug, damit wir alle den vorgeschriebenen Abstand einhalten konnten. 
Ich blickte in die Runde, die Männer alle in schwarzem Anzug, teilweise mit Sonnenbrille und schwarzem Mundschutz. Wie eine Mafiosi-Runde – ich musste mit einem bitteren Beigeschmack schmunzeln. 
Ein schöner Gedanke und ein Trost: Der 19. April 2020 ist sein Sterbetag, er war auch sein Hochzeitstag. Er konnte zu seiner geliebten Frau, zu unserer Mutter gehen. 

Wer ist nun schuld? Wegen Corona gestorben, weil er seine Untersuchungen nicht mehr wahrnehmen konnte? Einfach Zufall oder doch so gewollt? Alles zusammen? Auf jeden Fall ein Aufruf an unsere Menschlichkeit, an unsere Liebe zueinander und ein Hinweis auf die Bedeutsamkeit von Umarmungen. Denn das ist es, was uns am Leben hält. 

23.11.2020

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